Er nahm sie zu sich; er ward ihr Sohn; er erfüllte gegendie verwaiste Mutter die Pflichten eines treuen, dankbarenKindes; er theilte mit ihr sein Hab und Gut; verpflegte, schütztesie; gab ihr Rath und Freude. Jesus Christus aber, nachdemer die letzte irdische Sorge abgethan hatte, starb nun beruhigtund heitern Geistes, empfahl nun freudig seine Seele in die Handdes ewigen Vaters.
Diese einfache Begebenheit erweckt den Christen zu mancherleirührendeil Betrachtungen. Sie mahnt ihn auch an die schmerz-lichen Empfindlingen, welche in der Todesstunde wohl das Gemütheines redlichen Vaters bewegen mögen, wenn er von seinen un-erzogenen Kindern für dieses ganze Leben Abschied nehmen muß;mahnt ihn an das Leiden des Mutterherzens im letzten Allgen-blick, wenn es sich von den heißgeliebten, treuen Kindern los-reissen soll. Ach, ein solcher Schmerz ist wohl verzeihlich! Herzen,die durch die Hand Gottes mit den heiligen Banden des Bluts,mit den zartesten Banden der Natur verknüpft waren: wiemögen sie ohne das größte Leiden der Seele von einandergeschieden werden? O wie mancher sterbende Vater schlang nochden matten Arm um seinen theucrn Liebling, und seufzte:Wem muß ich dich nun überlassen? Wer wird jetzt so für dichsorgen, für dich arbeiten, wie ich gern gesorgt und gearbeitethabe für dich? An wessen Brust wirst du künftig deinen Kummerausweinen, und wer wird mit dir sein, wenn die bösen Tageeintreten? — Wie manche Mutter seufzte noch den letztenSeufzer für die Kinder, die nun durch ihren Tod zu Waisenwerden sollten, und dachte: Ach könnte ich euch in meineArme schließen und mit hinab nehmen in das stille Land desFriedens! Wer wird von nun an eure Mutter sein, euerirdischer Schutzengel?
Doch, Dank sei cs der herrschenden Menschlichkeit! gewöhnlichsind diese Sorgen der Sterbenden und ihre Unruhe, ob zwarsehr verzeihlich, doch unnütz. Wer ist auf Erden so hartherzig,daß er sich nicht gern der verlassenen Waisen annähme? Wieviel Ruhm bringt es nicht dem, der ein Vater und Schutz der-selben heißen kann! Für wen sorgen die Gesetze des Landes und