Denn niemals noch ist eine Ehe durch die Güte und denEdelmuth der Vermählten, sondern durch die denselben ankle-benden und allzutief gewurzelten Fehler unglücklich geworden.Darum muß bei Neuzuvcrmählenden mehr auf diese, als selbstauf ihre übrigen Tugenden geachtet werden, wenn man mitWahrscheinlichkeit das Glück oder Unheil der Verbindung vorauserkennen will. Denn man sieht viele zufriedene Ehen, wo dieVerbundenen vielleicht beiderseits ohne ausgezeichnete Tugendensein können; aber sie sind nicht unglücklich, weil sie gegenseitigdurch keine auffallenden, den geselligen Umgang und das Bei-sammenleben verbitternden Untugenden beschwerlich werden.Dagegen erblickt man oft Verbindungen unseliger Art vonPersonen, welche beiderseits durch glänzende Tugenden undvortreffliche Gemüthseigenschaften sich vor einer großen MengeAnderer auszeichncn, aber auch gewisse Fehler, Schwächen undEigenheiten führen, die an sich und für das öffentliche Lebenäußerst geringfügig scheinen, und im engen, häuslichen, bestän-digen Beisammensein unerträglich werden können.
Nicht selten ist es die erste Liebe und Zuneigung der Per-sonen selbst, welche gegen jede Fehler blind macht, und nur aneinander Tugenden lind Vollkommenheiten bewundern läßt. Oftist es Mangel näherer und genauerer gegenseitiger Bekanntschaft,welche es hindert, die verborgenen Schwächen und Anstößig-keiten des Andern zn entdecken. Denn wie gern verbirgt man seineUnvollkommenheiten vor demjenigen, welchem man liebenswürdigerscheinen möchte!
Aber so lange Liebe und Zuneigung nicht mehr eine sanfteEmpfindung, sondern wilde, alle Vernunft überwältigendeLeidenschaft ist, so lange ist jedes Urtheil ungültig, jede Wahlblindlings gemacht, und eben darum gefährlich. Wehe denUnglücklichen, welche, wennzuweilen auch die sich ermannendeVernunft mahnt und warnt, diese verscheuchen, um mit wahn-sinnigem Verlangen den geliebten Gegenstand zu erhalten, nurdessen Tugenden sehen, dessen Mängel verschleiern wollen. Liebekann ewig dauern, Leidenschaft nie. Diese verfliegt nach Erreichungihres Ziels; aber auch die Liebe verfliegt, und Ekel oder Haß