Druckschrift 
1 (1837) Andachtsbuch einer christlichen Familie
Entstehung
Seite
164
Einzelbild herunterladen
 

164

beneidenswürdig erscheint daneben das Ansehen des Reichen!Wo die Blutthränen der Maria, wo der Schmerz eines Johannes,eines Petrus umsonst gefleht haben würden, siegte ein Wort desgeachteten Josephs von Arimathia vor Pilatus. Ihm wurdendie heiligen Gebeine des Welterlösers ausgeliefert, daß er ihneneine würdigere Ruhestätte gebe! Den Armen, so tugendhafter auch sei, beachtet Keiner. Die Augen gemeiner Menschen'richten sich immer nur gern dem Glanz des Goldes und irdischerGröße zu. Der Unbemittelte steht mit seinen schönsten Thatenim Dunkel; und vollbrächte er das schönste Tugendwerk, manlächelt ihm höchstens einen Beifall. Man nennt es seineSchuldigkeit und Pflicht. Um seinen Namen fragt Niemand.Es fällt fast Keinem ein, ihn in dem Guten, was er that,nachzuahmen. Nur erhabene Menschen sehen auch auf die edleHandlung, die der Arme im Stillen übt. Nur ein JesuSbemerkte die unbemittelte Wittwe, welche ihr Scherftein in denGotteskasten legte, ach! vielleicht einen sehr wichtigen Theilihres gesammten kleinen Vermögens; aber den Pharisäern, die anden Straßenecken mit Getöse und Pomp ihr Almosen spendeten,rannte die leicht zu blendende, immer nach dem Schein verheilendeMenge des Volkes nach. Wie beneidenswürdig erscheint hierdas Glück des tugendhaften Reichen! Auf ihn sind Aller Augengewendet. Was er thut, wird gepriesen, und weil es gepriesenwird, nachgeahmt. Er wirkt oft noch mehr Gutes durch seinBeispiel, als durch seine eigene That. Jeder wünscht ihm ähnlichzu sein. Wie er handelt, so folgen zehn und hundert Anderenach. Er wirkt durch seine glückliche Stellung mehr Gutes, alser selber kennt und weiß. Das ist das Glück des Reichthums.Es ist in der Hand des Edeln ein überschwenglicher Segen fürdie Welt. Allerdings sind die tugendhaften Gesinnungen desReichen nicht ruhmvoller, als die des Armen. Menschen mögenmit ihrem kleinen Maßstab den Schein messen : vor Gott, demAllgerechten, ist derjenige, welchem er nur ein Pfund zu ver-walten gab, so angenehm, als derjenige, dem er Tausendeanvertraute, wenn Beide ihre Pflichten auf gleiche Weise voll-streckten. Aber unbillig ist es auch, wie oft geschieht, den