Wahr ist es, feinere, geschliffenere Sitten finden wir in denFamilien der Begüterten, und diese Sittenmilde kann als Vor-bereitung zu einem edlern, menschlichern Sinn angesehen werden.Leider aber ist in den meisten Häusern diese Sittenmilde nichtmehr Vorbereitung, sondern schon Ende und Ziel des Strebens.Ein anständiges, ungezwungenes, gefälliges Betragen, dasweder Blöße noch Lächerliches varbietet, die Kunst, sich denSchein der Tugend und den Anstrich von Kenntnis; zu geben,wo das Bessere selbst fehlt: dies ist gewöhnlicher Hauptzweckder Erziehung. Religion und Religiosität wird als eine unter-geordnete Sache genommen, die um des Anstandes willenbeobachtet, aber auf welche weiter keine besondere Wichtigkeitgelegt wird. '
Ist nun Gemüthskraft höbcrn Werths, als feine Sitte undGcberdc, ist Religion und Religiosität edler als Höflichkeit undLebensart: woher nun unter solchen Umständen Seelenstärke undTugend? Woher nun Muth zu Aufopferungen und zu jenenhcldcnmüthigen Selbstverläugnungen, wie Jesus sie von denErhabensten der Sterblichen, das ist, von seinen Nachfolgern,fordert? Da vertritt daS Ehrgefühl die Stelle der Religiosität,Macht und Würde die Stelle der aufmunterndcn Ewigkeit.Man fängt erst an, sich Gottes zu erinnern, wenn uns dieWelt anfängt zu vergessen; für die Seele zu sorgen, wenn derentnervte Leib unter Krankheiten zuckt; und sich mit der Ewigkeitvertraut zu machen, wenn die leichtfertigen Plane des Ehrgeizesdurch schlauere Menschen zerrissen oder durch schreckliche Ereignisse,gescheitert sind.
Es ist keine wahre Selbstveredelung gedenkbar, ohne vorher-gehende Selbsikenntniß. Niemand gelangt leichter zu dieser, alswer im Kampf mit großen Widerwärtigkeiten gezwungen w'>d,auf fremden Beistand Verzicht zu thun, und Hilfe in sich selbstzu suchen. Er muß seine Kräfte kennen, er muß seine Leiden-schaften bändigen, die ihn noch öfterer als seine Feinde vey-athen.Selbsikenntniß ist eine Tochter der Bescheidenheit und Kraft.
Aber unter den Glücklichen oder Glücklich-genannten dieser Welt wird Selbsikenntniß un-