142
prachtvollste Gabe. Ueberhaupt irren sich die Menschen sehr,wenn sie glauben, Armuth an Gütern sei auch Armuth an Ver-gnügen. Wahrlich, o ihr Bewohner der Paläste, unterm Stroh-dach nistet oft die Freude ein, welche in cuern Speise- undTanzsälen längst zur Fremdlingin geworden, und Harmlosigkeitbettet dem Dürftigen auf dein Strohlager weich, während dieSorge noch eure seidenen Kissen mit Dornen füllt. Zur Freudegehört nicht Rcichthum, sondern ein für sie empfängliches Herz.Die harmlose Kindheit weiß nichts von Geld und Gut, aber ammeisten von der Freude. — Der Dürftige hat mehr Anlage undAnlaß zum Vergnügen, als der Reiche. Denn jenen kann dasUnbedeutendste überraschen, er hat Augen für das Geringste,welches der Begüterte als unwerth übersieht. Das Gelingeneiner Arbeit, ein froher Blick vom Freunde, eine Ruhestundenach der Arbeit, ein für jeden Andern nichtiges Geschenk —Alles hat Werth für ihn, Alles freuet ihn. - Der Begüterte istschon darum seltener zur reinen Fröhlichkeit gestimmt, und kannsie auch mit allem Aufwand nicht erkaufen, weil er in viel mannig-faltigern Verhältnissen lebt, zahlreichere Rücksichten zu achtenhat, überall größere Verantwortlichkeiten erblickt. Dies störtden ungetrübten Lebensgenuß sehr, das Gemüth behält immereine gewisse unbehagliche Sorgsamkeit bei, inan wagt cs kaum,sich ganz unbefangen der Lust hinzugebcn. Je einfacher unsereVerhältnisse sind, je weniger Rechenschaft man der Welt schuldigist, je mehr man, unbekümmert um Andere, sich selber angehörenkann: je reiner ist jeder Genuß, den wir haben, je harmloserkönnen wir uns ihm überlassen.
Der Reiche hat mehr scheelsüchtige Gegner, als vertrauteund redlich gesinnte Freunde. Die Gemeinheit der meistenMenschen gestattet cs kaum anders, als an Personen, die irgendeinen Vorzug vor ihnen haben mögen, Fehler aufzuspüren. DenUnbegüterten aber sucht die stolze Verleumdung nicht leicht inseiner Einsamkeit auf. Es kennen ihn Wenigere. Der Neidhat an ihm nichts zu nagen. Unbekanntheit und Dunkelheit sindein hohes Gut. Sie sind die edelste Schutzwchr der häuslichenGlückseligkeit. Wer öffentlich leben nruß, hat nur halbes Leben.