Doch warum unternehme ich's, das Glück zu preisen, welchesauch den Dürftigen begleitet? Wer zweifelt daran, daß es vor-handen sei? daß Gottes Güte, einem Jeglichen sein Loos gebend,mit jedem Schatten Licht, mit jedem Lichte Schatten paarte? —Aber daß Dürftigkeit öfters, und öfterer als Reichthum, zurEntwickelung der edelsten Gemüthskräfte, zur Umarmung dererhabensten Tugenden führe, so wie umgekehrt die höchste Tugendzur Verachtung weltlicher Würden und zeitlichen Rcichthumsführt: dies ist eine Betrachtung, die für meine eigene Voll-kommenheit von allzugroßen Folgen ist, als daß ich sic nichtanstelle« sollte.
Auch ich bin nichts weniger als reich. Auch ich sehe übermir Zahllose, die, begüterter als ich, mich eher zu den Armenzählen würden. Aber ungeachtet meines Pflichteifers, ungeachtetmeiner Sparsamkeit, meines unverdrossenen Fleißes, bin ichdoch ärmer, als ich sein sollte. Ich kann Andern nur wenigGutes thun, weil ich für mich selbst leider noch immer zu vielBedürfnisse habe. Ich bin, ach ich bekenne es, schwach. Bisherhatte ich mich noch nicht überwinden können, manches Entbehrlichezu entbehren. Theils Gewohnheit, theils Erziehung, theilsFurcht vor schiefen Beurtheilungen von Andern hinderten michdaran. Ich könnte durch einen einzigen entschlossenen Schrittmich von unzähligen Sorgen und Kümmernissen losreißen.Wollte ich nach meinem Stande, nach meinen bürgerlichen Ver-hältnissen so enthaltsam leben, ohne doch weder meiner Gesundheit,noch derjenigen Achtung zu schaden, die ich meiner Stellung inDer Welt schuldig bin — wie reich könnte ich sein, wie vielUcberfluß bliebe mir! Das Glück der Armuth, welches ichnur noch zu wenig empfunden habe, würde mir dann ganzzugehören. Und warum verzögere ich mein eigenes Glück länger?Warum mache ich mich durch die Menge selbstgcschaffener Bedürf-nisse, für die ein beträchtlicher Aufwand von Zeit, Sorgenund Mühe nöthig ist, abhängiger von andern Menschen, alsich's zu sein Ursache habe? Warum werde ich nicht thätig umjene stille Zufriedenheit, die das höchste aller Erdengüter ist? —Ich will es, ich will meine Entbehrlichkeiten durchgehen, die