Ihre grausame Güte macht den Unterstützten ärmer, als er jegewesen, indem sie ihm neue Unentbehrlichkeiten schaffen, undBedürfnisse einimpfen, die zu stillen er lebenslang arbeiten muß,ohne zur Ruhe und Besinnung zu gelangen. So verbringt ersein Dasein kummervoll im Sklavenjoch der Lcbensnothwendig-keiten; versäumt wird der Geist und ein edler Genuß; er stirbteinst, ach! und was hatte er auf Erden gethan? — SeinGewerb, sein Handwerk getrieben Tag für Tag, um seinenHunger zu stillen, seine Blöße zu decken: er brachte es vielleichtauf feinere Speisen, bequemere Kleider, eine gute Hinterlassen-schaft — aber mehr nicht. Er hatte noch keinen Tag mit Ruhe,keine Nacht ohne Sorge. Und wofür nun Alles? Für denRaub der Würmer! Und seine Seele? Sie ward unter dentausend Sorgen für Haus, Gewerbe, Nahrung und Kleidervergessen. Sie blieb roh, ohne Veredelung, wie seit den erstenJugendtagcn, da die Schule verlassen ward. Gott, Ewigkeit,Welt, Schöpfungswunder, Seelenadel, Tugendgröße, sind ihmwie dunkle Traumgestalten geblieben, und Vorurtheile undEinbildung und Wahn nisteten in seinem Gemüth neben derLeidenschaft. Er hatte einen Gott, ohne ihn je zu fühlen; erlebte in einer Welt, ohne sie je gesehen zu haben; er hatte einHerz, ohne es dein Entzücken der Tugend zu öffnen.
Ein stiller Schauer durchdringt mich! So erblicke ich einenTheil des Menschengeschlechts, wie cs an sich selbst den schwer-sten Hochverrat!) übt, und das Göttliche verkauft um Sraub.Welch eine Verwirrung der einfachsten Begriffe, welch eine Zer-störung der natürlichsten Ordnungen! Dies sind die Gefahren,dies die schrecklichen Wirkungen der Armuth! einer Armuth,die so allgemein ist, denn der Bettler ist nicht immer derAcrmstc! Oft ist der Mann in Sammet und Seide, welcherihm aus dem Palast ein Almosen zuwirft, noch dürftiger, alsder Beschenkte.
Gott, welche Ansichten der Welt haben sich nur in dieserStunde meiner Andacht eröffnet! Wie ganz anders seh ich jetztVieles, das nur ehemals besser und sogar lobcnswürdig schien!Und doch ist cs nrr zu vit Verderben und namenloses Elend.