Druckschrift 
Johann Tauler's Nachfolgung des armen Lebens Christi
Seite
106
Einzelbild herunterladen
 

106

Zweitens, ist diese unmittelbare Offenbarung Gottes inder Seele, die sie erfährt, eine unerschütterliche Gewiß-heit, ein innerer, unwiderlegbarer Beweis, der durchnichts zu tilgen ist; sie ist ein unmittelbares Wissen; undspräche die ganze Welt: Nein! es ist nicht von Gott! deres erfahren hat, wird nicht irre daran, die Wahrheit, dieihm geworden ist, die Gewißheit, die ihm gegeben ist, istvon Gott, solche kann Niemand geben. Bei dem natür-lichen Lichte wohnet immer der Zweifel, ein Wähnen undMeinen, hier aber ist kein Wahn, kein Meinen, es istein reines Wissen. Wer es erfahren hat, weiß, wasich rede, und weiß, daß es wahr ist; wer es nicht erfah-ren hat, der kann weder dafür, noch dawider reden ").

*) Was ich bei dieser Anhrnft des Herrn in mein Herz erfuhr, sagtI. A. Kanne (der wohl auch hier wird reden dürfen, weil er aus Erfah-rung reden kann), und wie ich's erfuhr, ist mit Worten nicht zu sagen,und was ich sagen könnte, muß ich verschweigen; erfahr es selber, wer cSwissen will, und jeder kann's und wird's, so, oder anders, gewiß undwahrhaftig erfahren. An Ecstase, Exaltation, oder wie man es nennenmöchte, kann hierbei keiner denken, da ich es nicht in einem heißen Bet-kampfe, oder sonst in heftiger Bewegung des Gemüthes erfuhr, sondernwährend ich ganz gelassen, ruhig und besonnen war. Jetzt erst verstandich aus eigener, lebendiger Erfahrung, was das neue Leben bedeutet;daß nämlich Christus denen, die Ihn ernstlich suchen, schon hier zeigenwill, daß Er durch den Hauch Seines Mundes das ursprüngliche, durchdie Sünde erstorbene Leben wicdcraufcrwecken wird, indem Er der Seelein solch lebhaftem Vorgeschmack den wiedcrgebornen Menschen zeigt. Hier-mit entspringt in der Seele eine Liebe zu Ihm , eine unerschütterliche Ge-wißheit und ein innerer Beweis, die durch nichts mehr zu vertilgen sind,als durch den allergrößten Abfall, wenn dieser dann noch möglich wäre.Ich weiß es nun so gewiß, daß mein Erlöser lebt, daß mir alle andern-Beweise völlig überflüssig sind. Leset keinen. Beweis für die Wahrheitder christlichen Religion, sondern erfahret ihn. Daß dann dieser Er-sahrungc-beweis nicht etwa ein bloßer Em p fi n d u n g sb e wci s ist, dasmag der Unerfahrene, aber nach Christo Begierige, einstweilen aufs Wortglauben. Was Christus giebt, das ist nicht nur höher als alle Vernunft,sondern auch höher, als alle unsere jetzige Empfindung: es ist ein neues Le-ben, und als solches auf s Deutlichste erkennbar, obgleich mit keinen Wor-ten zu bezeichnen. Aber Glauben müßt ihr haben, dringendes Bedürfnißund empfängliches, rein empfangendes, nicht selbst hervorbringen wollen-des Herz. Dann wird euch große Gnade widerfahren, und ihr wer-det in irgend einer Stunde einmal sagen können: mir und in mir istheute der Heiland geboren! Siehe I. A. Kanne, Leben und aus demLeben, S- 29192 im Anhange.