Druckschrift 
8 (1837) Das Reich Jesu auf Erden
Entstehung
Seite
406
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Treu und Glauben, der Selbstsüchtige, der sich Alles erlaubt,ist überall gehaßt. So ist es jetzt; so vor vielen Jahrtausendengewesen. Staatsverfassungen, Kirchcngebräuche, Sprachen,Sitten, Wissenschaften, Begriffe vom Nützlichen und Schäd-lichen haben geändert: aber die Gesetze Gottes im Geisterreich,die Gesetze und Begriffe von Frömmigkeit und Tugend sind soalt, als Las Menschengeschlecht selbst. Unentbehrlich ist dieTugend dem unstcrblichcn Geiste, wie die Nahrung dem sterb-lichen Leibe. Entziehe dem Leibe die Nahrung, und er verdirbt;entziehe dem Geiste die Tugend, und er verdirbt.

Warum, wenn Rechtschaffenheit etwas Zufälliges wäre,wenn sie nicht unmittelbar zur Natur des Geistes gehörte,warum sind denn die ärgsten Tugendverächter noch oft genugscheu vor Verbrechen, selbst wenn sie keinen irdischen Richterüber sich zu fürchten haben? Warum wagen sie es nicht, sichAlles zu erlauben? Oder wenn sie sich das Schändliche er-lauben : warum möchten sie es vor sich selbst verbergen?

Tugend ist nichts Anderes, als Vollkommenheit des Geistes,Reife und Vollendung des Geistes zu seinen Bestimmungen imWeltall. Der sterbende Sünder ist eine unreife, faul gewordeneFrucht am großen Lebensbaum. Vollendung des Geistes aberist nichts Anderes, als Selbstbefreiung desselben vom Einflußder irdischen Natur; Freiheit von der Thierheit, Beherrschungseines Selbstes nach den eigenen, innern, ewigen Gesetzen desRechts und der Gottgefälligkeit; Emssörsteigen aus der Thier-natur zur Enzelhaftigkeit. Tugend ist Selbstverklärung.

Nicht also Geschicklichkeit in Handwerk und Kunst, nichtKlugheit in Berechnung und Behandlung der Umstände, nichtGelehrsamkeit und große Kenntniß begründen die wahre Geistes-größe: sondern Frömmigkeit, Tugend! Was für die Welt nützt,in der wir jetzt leben, das bleibt einst in dieser zurück. Es kamvon Hier, war für das Hier und bleibt in dem Hier. Aberdie Gut und Leben nach Gottes Willen aufopfernde Tugend,die weltverläugnende Tugend, ist nicht für die Welt hier, son-dern oft mit ihr im Widerspruch; sie ist nicht für das Irdische,denn sie bestreitet dasselbe und vernichtet dessen Gewalt. Sie ist