332
ich rufe auch euch die Worte Jesu zu: ihr irret, ihr wisset sieSchrift nicht, noch die Kraft Gottes!
Dürfen wir denn vernünftiger Weise eine Vergleichungmachen zwischen den unähnlichen Dingen, die einander ganzentgegengesetzt sind ? — oder zwischen Dingen, von denen wirdas eine nur zuin Theil, das andere gar nicht kennen ? — zwischendem Geist, noch cingeschnürt in die Banden irdischer Werkzeuge,und dem selbstständigen, von ihnen befreiten Geist? Wie derGeist auf den Körper wirkt, das wissen wir nur zum Theil; wieer sich aber in voller Freiheit, ungelähmt von dem ihm an-Hangenden Staube, erscheinen mag, das wissen wir gar nicht.
Schlaf und Ohnmacht sind daher schlechte Vergleichungenmit dem Zustande des Geistes nach der Trennung vorn Körper.Es ist mehr; wir wissen nichts von dem, was uns im Schlafoder in der Ohnmacht geschieht, wir erinnern uns da von allemBegegneten nichts. Dies aber entsteht nicht daher, daß nun derGeist aufgehört hätte zu sein: sondern daß die Sinne unfähiggeworden sind, äußere Eindrücke zu empfangen, und damit diedenkende Kraft zu beschäftigen. Wer die Augen verschließt, siehtnichts, aber der Geist lebt und wirkt in sich fort. Wenn Schlafund Ohnmacht alle Sinne verschließen, daß durch diese nichtsmehr zur Vorstellung gelangt: so lebt und wirkt der Geist darumnicht minder thätig fort, ob er gleich nichts von dem weiß, wasaußer ihm in der Sinnenwelt vorgeht. Wie auffallende undtiefes Erstaunen erregende Beispiele geben uns davon die so-genannten Nachtwandler! Oder wem ist es nicht begegnet, wenner vom tiefem Schlaf erwachte, daß er sich der gehabten Träumelange nicht erinnerte, während seine Seele doch beständig be-schäftigt gewesen; bis sie ihm, weil die Erinnerung davon durchlebhaftere Eindrücke von außen beim Erwachen verdunkelt war,unvermuthet beifielen und ihn überzeugten, er habe auch wäh-rend des Schlafes Vorstellungen gehabt?
So lebt und wirkt auch die Seele der Sterbenden fort!aber wie sich seine Sinne verschließen, weiß er auch von derAußenwelt nichts. Der Sterbende sieht den Tod nicht; nur derLebende bemerkt die Veränderung am Leichnam. Der Geist des