236
welche die Dinge der Welt vor Jahrtausenden zuerst empfingen.Das wäre Allwissenheit. Aber keinem Sterblichen ist dieseAllwissenheit geworden. Daher geht er ungewiß und wankenddurch das große Gewühl des Weltlebens, und weiß nicht wasvoranging, was nachfolgt; nennt, was ihm begegnet, baldGlück, bald Zufall, bald unvermeidliche Nothwendigkeit. Aberer nennt nur Zufall und Ungefähr, von dem er die unmittelbarenUrsachen nicht wahrnimmt. Es ist nichts von Ungefähr, weilAlles seine Ursachen hat. Alles ist nothwendig, Alles im Rachesch'usse des ewigen Verhängnisses inbegriffen.
Alles? Wie, so wäre die unendliche Welt und Alles, wassich darin regt und bewegt, eine unendliche Maschine? einwohleingerichtetes, wunderbares Uhrwerk, in welchem nichtsAnderes geschehen kann, als was der Wille des Meistersvorhergesehcn und bestimmt hat? Ich selbst wäre nichts als einhöchst geringfügiger Theil in diesem Weltenbau? Ich erschrecke.
-Was bin ich? wo bin ich? Wie einsam stehe ich mit meinerLust, mit meinem Schmerz in dieser kalten, eisernen Ordnungder Dinge und unter diesen tobten, willenlosen Gestalten! Warumsoll ich hier gefühlvoll und liebend dastehcn, da nichts meineLiebe verdient? warum hassen, da auch das Böseste, auch dasLaster nothwendig wäre? Wie verlassen bin ich plötzlich vonmeinen schönsten Wünschen, von meinen erquickendsten Hoff-nungen ! Wozu dies Spiel mit mir? Wozu meine Reue wegenFehlern, die ich vorher bestimmt war zu begehen? Wozu meinHaß gegen die Sünde, wenn das ewige Verhängniß mich der-selben einmal geweiht hat?-
Nein, nein! ich bin auf Irrwegen. Alles in mir widersprichtdiesen Vorstellungen von der Welt. Meine Gefühle empörensich dagegen mit stürmischer Gewalt. Ich empfinde deutlichdie Freiheit meines Willens, und ist gleich mein Körper einemtobten Werkzeuge gleich, ist doch mein Geist nicht Maschine;er ist das Regierende, Belebende, das, was sich nach eigenenUeberlegungen entschließt. Nein, die Welt ist keine tobte, kalteMasse, in der sich Alles, sich selbst unbewußt, nach ewigenVorhcrbestimmungen bewegt, sondern ein liebender Gott waltet