erwachte ich aus meinem Traum, und sah bei kälterm Bluteein, daß alle die hohen Vorzüge, welche ich an dem, was ichliebte, erblickte, nie oder nur sehr mangelhaft vorhanden ge-wesen waren.
Das sähest Lu ein, aber doch gehörten jene Stunden derersten Täuschung zu den beglücktesten deines irdischen Daseins.Woher entsprang denn damals die Seligkeit deines Gemüths?Doch nicht, weil du alles Himmlische außer dir fandest —denn du selber gestehest dir, daß du dich getäuscht hattest —nein, das Himmlische war in dir, das du liebtest, und dasBild desselben trugst du auf Außendinge über. Du liebtestdas Vollkommene, die hohe Tugend, dieAnmuthder Güte, die Erhabenheit der Treue — nicht dieFalschheit, nicht die Hoffart, nicht den Reichthum, nicht dieFamilie. Du liebtest und verschöntest selbst die Mängel derGeliebten.
Siehe, das Erwachen der ersten Liebe ist ein neues Auf-flammen der jugendlichen Unschuld und der Ehrfurcht und Hoch^achtung vor dem, was göttlich ist in der menschlichen Natur!Und das Himmlische, was du verehrtest, war in dir selbst,und darum nennst du es Täuschung, weil du den Begriff allerVollkommenheiten nicht außer dir gefunden hast, wie du esgefunden zu haben wähntest.
Warum bist du seitdem so glücklich nie wieder geworden?Warum hast du mit der Täuschung auch die beseligende Liebedes Göttlichen und Vollkommenen von dir geworfen? Warumsuchst du das Heilige nicht in dir auf, da du cs draußen um-sonst erwartest? Warum ringst du nicht mit Kraft darnach, dieseltene Vollkommenheit, dieAnmuth der Güte, die Erhabenheitder Treue dir selbst anzueignen, deren Vorstellung dich einstso entzückte? Warum hörst du auf, dich wie ehemals, demGegenstände deiner Liebe zu gefallen, mit neuen Vorzügen zuschmücken? Warum verbannst du nicht, wie damals, mit Ab-scheu jede Unanständigkeit, jede widrige Leidenschaft, jedes Lastervon dir? — Du wärest noch heute selig, denn die Welt würdedich verehren, Gottes Beifall würde dich über Alles, was im