478
l
werden. Daß man Vorgesetzten, als Vollstreckern des bestehen-den Gesetzes, als Aussprechern des allgemeinen Willens, Ehr-erbietung beweise, liegt in der natürlichen Ordnung der Dinge;daß endlich eine Rangordnung in der Kirche unter deren ver-schiedenen Beamten eingeführt worden ist, wie im weltlichenLeben der Völker zu sein pflegt, war unausbleiblich. Es magdies irdisch heißen; aber die Kirche selbst ist das Irdische zurReligion, und für das Irdische der menschlichen Natur zunächst,und dadurch erst für den unsterblichen Geist vorhanden.
Wenn auch in spätem Tagen der christlichen Kirche sehrvon der Einfalt der ersten Zeiten abgewichen worden ist: habendie Menschen nicht überhaupt selbst von ihrer ersten Einfalt ver-loren? Haben sich nicht alle Bedürfnisse vermehrt, alle Künste,Erfindungen und bürgerliche Verhältnisse vervollkommnet oderneue Richtungen genommen? Mußte die Kirche, die für denMenschen ist, nicht mehr oder weniger die Farbe des Zeitaltersempfangen, um auf den Menschen cinzuwirken und ihm gleich-sam unter allen Umständen verwandter zu bleiben? Es magwahr sein, daß die Diener des Altars oft in verwilderungs-vollen Zeiten ihrer eigcnthümlichen Bestimmung und Würdevergaßen; daß sic ihren Laidenschaften fröhnten, ihrer unmäßigenPrachtlicbe, ihrem Ehrgeiz, ihrer Herrschsucht Genüge thunwollten, und selbst dazu die Kirche, so wie die Ehrfurcht desVolks mißbrauchten: aber das, was in sich selbst schlecht undverwerflich ist, konnte nicht bestehen; es ging ganz oder zumThcil wieder unter. Alles Unwürdige wird auch ferner nichtbestehen; es wird ferner untergehcn, je nachdem die Mehrheitder Menschen reif wird, es einzusehen, um es verachten zukönnen. Aber was sündige Menschen sündigten, darf der Kirchenicht angerechnet werden. Ihr Zweck bleibt heilig; ihr Mittelschuldlos. War nicht auch die jüdische Kirche von ihrer ursprüng-lichen Einfalt gewichen, und der Tempel Jerusalems vielfachdurch dessen Diener entweiht? Dennoch besuchte Jesus mit seinenJüngern diesen Tempel; er betete darin; er lehrte darin; erfeierte die Festtage mit, wie sie das Gesetz Mosts vorgcschrieben;er wollte einmal die cingeführten kirchlichen Ordnungen nicht gestört