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5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
399
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Kraft, ungebunden, muthig, hält er Alles für möglich; denEntschlossenen für den Glücklichsten; die Menschen weniger für ^böse, als feige und schwach; alle voll Sinn für das Große,Schöne, Wahre, Edle: alle voll Streben nach dem Erhabensten,nur zuweilen auf irrenden Abwegen.

Länger, als der Jüngling, bewahrt die sanftere Jungfraudie kindliche Unschuld ihres Gemüths; reizbarer, als er, er-schrickt sie vor dem Schein, und versöhnt sich eben so schnellmit dem, was sic vorher gefürchtet. Ihrem eigenen Urtheilenicht immer vertrauend, vertraut sie auch seltener der MeinungAnderer. Alles scheint ihr für den Genuß der Schönheit, Liebeund Güte vorhanden: sie selbst athmet nur für das Gute, Milde,Schöne und Liebenswürdige.

Aber je mehr sich Begierden aller Art entwickeln, je klarerdem Menschen der Umfang seines eigenen Gemüthes wird, jebesser glaubt er die Welt kennen zu lernen. Jede neue Ent-deckung in seinem Innern ist ihm einö neue Ansicht der Welt;er wird von keiner Leidenschaft, von keinem Laster umfangen,das er nicht eben so bald auch schon in hundert und tausendandern Menschen erkennt oder vermuthet. Der Wollüstlinghält die Mehrheit der Menschen für Theilnehmer seiner schänd-lichen Begierden; der Ehrgeizige erkennt überall Nebenbuhler;der Mißtrauische fürchtet Hinterlist und Argwohn in jederBrust; der Habsüchtige sieht in allen Handlungen Anderer einVorgreifen und Uebervorthcilen; der Schwermüthige findetJeden voll verborgener Unzufriedenheit mit dem Schicksal.So sehen wir die Welt selten, wie sie wirklich ist, sondern nurimmer uns selbst in ihr vervielfältigt. Was Jeder ist, daspflegt er auch von Andern zu halten.

Daher ist das Wort der heiligen Schrift ein .vielsagendes,viellehrendes, aus der menschlichen Natur tiefgeschövftcs Wort:Dem Reinen ist Alles rein. (Tit. 1, 15.) Ihm ist reinund gut, was Gott schuf, ihm ist rein und gut die Mehrheitder Menschen, selbst bei allen ihren Fehlern, die er mehr fürJrrthümer ihres Verstandes, für Schwäche ihrer Gewohnheit,als für Gefallen am Bösen selbst hält.