394
Heilrg sei mir, o ihr Guten, Ehrwürdigen! euer Andenkenan jedem Feste meiner Geburt. Es sei von nun an immer dasFest meiner erneuten Erkenntlichkeit für die Liebe, mit der ihrmich geliebt habet. Ach, das arme Wort der Dankbarkeit ist csnicht allein, was ich euch schuldig bin. Ihr gäbet mir mehr alsWorte? Darum verkünde mein Sinn, meine Thal, was ich füreuch fühle. Bin ich den Aeltern mein Leben fchuldig: so will ichcs ihrer Freude wieder hinwcihen. Ruht euer Segen auf mir,so will ich inein Leben wieder zum Segen für euch machen.Segen soll es euch fein über euerm Grabe; Segen noch, wennihr euch schon höher« Lohnes in bessern Welten erfreuet. EuerBild soll vor mir schweben, auch wo ich euch nicht mehr finde.Euer Andenken entscheide über meine Entschlüsse, richte übermeine Handlungen. Ich will eurer Liebe, eures Segens würdigleben, und ist es euch, verklärt in den Wohnungen der Seligkeit,vergönnt, auf mich hernieder zu blicken: so störe keine unedleThat meiner Seele die Reinheit euers himmlischen Friedens.
Mit dem Gedanken an die Wohlthaten der Aeltern schwebtmeine ganze Kindheit, die Reihe meiner verflossenen Jahre biszum jetzigen Augenblick vor mir. — Schon habe ich viel erfahren,und doch immer nicht genug, um ganz weise zu sein. Wie alsKind ich sonst aus Unwissenheit fehlte, fehle ich leider jetzt nochaus Leidenschaft. Die Welt und ihr Gutes sind mir nicht mehrneu; aber ich bin noch immer ein Anfänger im Guten. Ichhabe schon Manches, was meinem Herzen das Theuerste war,verloren, und doch hangt sich eben dieses Herz noch immer sounbesorgt, sö innig an mancherlei Irdisches, als könne es nurnie genommen werden. Weise sein, heißt sich über alle Täuschungerheben. Warum täusche ich mich aber so gern selbst, ungeachtetich aus Erfahrung endlich wohl weiß, wie bitter es ist, sich zuletztbetrogen zu finden in seinen Erwartungen? Freundschaft, Liebe,Glück, Ehre haben mich oft hintergangen; mein Herz blutete.Und doch vertraue ich und baue ich immer noch mehr auf äußereDinge, als auf meine eigene Kraft. Ich habe.es schon vielmalserfahren, daß nicht das, wonach wir ungeduldig streben, unserGlück ist, sondern daß nur Genügsamkeit die Grundlage unserer