340
thierische Sinnlichkeit gewirkt werden kann, als durch Schön-heit des Körpers, welcher nur der Schleier einer schönen Seelesein sollte!
Und wie ist es möglich, daß jemals ein Sterblicher sich desschönsten Schmuckes, in welchem auch die Armuth reizend prangt,entäußert —- der Schamhaftigkeit? Liebt sie nicht selbst derverworfenste Wüstling auch noch an Andern, wenn er sie selbstschon verlor? Entzückt nicht auch noch den Lasterhaften dasschöne Roth, mit welchem Unschuld die Wangen überstreut?Erkünstelt und erheuchelt nicht selbst die Tiefgesunkenste ihresGeschlechts jene Tugend, um liebenswürdig zu sein? — Wieist es möglich, daß der Mensch muthwillig einbüße, was er anAndern bezaubernd findet und beneiden möchte? Wie ist esmöglich, daß der Mensch sich selbst mühsam um ein Glück be-stehle, welches die heilige Schutzwehr seiner Tugend und seinesinnern Werthes ist?
Solche Fraae, wenn sie 77^'^ ist, '.'.lllß üs dem
Christen noch weit mehr sein, der kein höheres Gut, kein ewigeres,kein beseligenderes kennt, als feine Seelenreinheit, seinenSeelenadel.
Die mächtigste, die gefährlichste Feindin der Schamhaftig.keit, zumal bei dem weiblichen Geschlecht, ist die unmäßige-Gefallsucht, welche mit blinder Begierde Alles ergreift, wodurchsie sich liebenswürdig zu machen hofft. Es ist die Modesucht,welche alle, auch die empörendsten Verirrungen des Geschmackscnschuloigt, und dem sittsamsten Gemüthe die unzüchtigste Be-kleidung rechtfertigt.
Das Weib, zarter und reizbarer von den Händen, der Natur'gebildet, als der Mann, welcher bestimmt ist, schwerer disäußern Stürme des Lebens zu tragen, hat auch ein feineresGefühl für das Anständige, Sittige, Schöne und Edle, als devMann. Durch ihre Schöpfung auserkoren, des Mannes rauhenSinn und Härte mit Sanftmuth zu mildern, ihn durch dasSchön- --- Hute zu bir.dtn, ist der Gattin und der Jung-frau das Gefühl der Schamhaftigkeit in höhcrm Grade eigen.Ein Weib, welches diesen zarten Sinn für das Anständige ver-