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Die Schamhaftigkeit.
Erste Betrachtung.
t. LiM. 2/ 9.
Nur in unbefleckten Herzen,
Nur in einer keuschen BrustToben nie der Reue Schmerzen,
Wohnen Himmelsruh und Lust.
Unbeherrschte SinnlichkeitTobtet die Zufriedenheit,
Und der Taumel wilder LüsteMacht das Paradies zur Wüste.
Sittigkeit und Unschuld schmückenMehr als Schönheit, mehr als Pracht;
Sie erheben, sie beglückenMehr, als alles Goldes Macht.
Reinen Herzen fließt der QuellJeder Freude rein und hell;
Denn sie hoffen voll Vertrauen,
Dein »lntlitz, Gott, tU scüaiien!
d3on dir will ich reden, reizendste unter den Tugenden, duSchmuck aller zugleich, du Beschirmerin aller, Schwester dercdeln Bescheidenheit, Mutter der holden Demuth — o ScharmHastigkeit!
Das Laster hat mancherlei Schmuck, in dem cs sich brüstet,Augen fesselt, Sinne lüstern macht. Wer von allen Sterblichenkönnte sonst irgend eine der Sünden lieben, irgend ein Ver-brechen begehen, wenn er nicht dazu durch mächtige Reizmittelverführt würde, über deren Annehmlichkeit er das Gift vergißt,welches ihm in goldenen Schalen das Laster darreicht? Aberdie Tugend hat keinen andern Reiz, durch welchen sie gefallenwill, als ihre eigene Schönheit; nicht erst geschaffen, nur erhöhtwird diese noch durch den Schleier, welchen zarte Verschämtheitum sie wirft.
Die Natur selbst hat ja jedem Menschen das Gefühl dessen,was nothwendig ist, in die Brust gepflanzt. Es ist kein bloßesWerk der Erziehung. Auch die wildesten Völkerstämme kennenes. Ja, wir scheinen es selbst bei vielen Thieren einheimisch zuV. 15