Liebe und Freundschaft zu achten; wenn wir, vom Sturm derersten aufwallcnden Empfindungen und Gefühle hingerissen,den Vorspiegelungen nachirrcn, welche unsere Phantasie an dieAußenseite einer Person knüpft, die wir liebenswürdig nennen,weil wir sie gern liebenswürdig finden wollen! Thränen, Ver-druß und Reue folgen der Thorheit rächend auf dem Fuße.
Diese Ansicht ist um so wichtiger, da wir uns nicht verbergendürfen, daß jede herzliche, vertrauensvolle Anhänglichkeit beider leisesten Unterbrechung von den nachtheiligsten Folgen fürLebensglück und häuslichen Frieden werden kann. Wie leichtist durch eine anscheinende Kälte oder Zurückhaltung, oder durcheine unwillkürliche Versäumung, oder durch ein unseliges Miß-verständniß, oder durch Zwischenträgerkien, die zarte Blücheder Freundschaft verletzt! Und wenn dein Freund nun nichtrnehr dein Freund ist, oder wenn der, dem du dich bisher mitargloser Gutmüthigkcit in allen deinen Angelegenheiten hingabst,nicht mehr deiner Achtung so würdig wäre, als sonst, was wirddann aus ihm, dem Mitwisser deiner Geheimnisse um deineverborgenen Fehltritte u. s. w.? Bist du gesichert, daß er nichtschlechtdenkcnder wird, als er war? Hast du Bürgschaft, daßer dein ihm bewiesenes Zutrauen niemals mißbrauchen werde?Und wenn er, nach aufgehobener Gemeinschaft mit dir, deinVcrräther nicht wird: schwebst du demungeachtet nicht in einerbeängstigenden Abhängigkeit von ihm?
Darum prüfe wohlbedächtig und vielseitig Jeder, ehe er sichLinen Busenfreund wählt, dem er ganz gehört. Denn vielgeheimes Unglück in den Familien ist die Wirkung zerrissener,allzuübereilt geschlossener Freundschaften. Nur wo hohe Kraftbei reiner, fester Tugend steht, da ist treue Zärtlichkeit, Freund-schaft möglich über die Schwelle des Lebens hinaus.
Wohl dem, der dies edle Glück gefunden: „Ein treuerFreund ist ein Trost des Lebens; und wer Gottfürchtet, der empfängt solchen Freund!" (Jes. Sir.6 , 16 .)
Nur wer Dich, o Du Heiligster, mit liebender Ehrfurchtsicht, wer die Pfade der Schande flieht, und Ekel trägt vor