stände. Die Empfindung, welche dich bewegt, urtheilt nie,sondern sie begehrt blindlings, gereizt durch äußere Annehm-lichkeiten, oder durch Eitelkeit; der Verstand hingegen begehrtnicht, was er nicht genauer kennt, und unter den verschiedenenVerhältnissen geprüft hat. Die bloße Empfindung des Wohl-gefallens an einer Person besticht gewöhnlich sehr leicht unserereizbare Einbildungskraft, und wir trauen dann dem, anwelchem unser Wohlgefallen haftet, eine Anzahl guter Eigen-schaften zu; nicht weil er durch sie schon liebenswürdig gewordenist, sondern weil wir ihn lieben wollen, und er ohne solche Eigen-schaften nicht mehr liebenswürdig wäre.
Dies ist einer der gemeinsten Fehler beim Eintritt in denBund der Freundschaft überhaupt — am gemeinsten in den Tagender Jugend, wo ein stürmischeres Blut das Herz bewegt, die Ge-fühle rührt, und wo die Einbildungskraft gern Meisterin überden Ernst des Verstandes wird; — am meisten aber unter jungenLeuten zweierlei Geschlechts, wo die erwachenden Triebe derNatur sich zum allgemeinen Bedürfnis nach Freundschaft, zurEitelkeit und zur Eigenliebe gesellen, und die ungeregeltenEmpfindungen zur Macht blinder Leidenschaftlichkeit erhöhen.
Während unser Verstand sich von Tag zu Tag,von Jahr zu Jahr durch immer neue Erfahrungenstärkt, schwächt sich, und zu unserm Glücke, un-merklich mit den Jahren die Gluth der Empfin-dungen. Daher ist es begreiflich, daß mit dem Wachsthumdes Verstandes und der Abnahme der allzugroßen Lebhaftigkeitder Gefühle so manche allzurasch geschlossene Ehen nachher dieunglücklichsten werden müssen. Denn das Begehren der Empfin-dungen wird endlich bald durch Gewohnheit und Alltäglichkeitgesättigt; wehe, wenn dann nichts zurückblieb, das die dauer-haften Forderungen des Verstandes an dein bisher geliebtenGegenstand befriedigen kann! Wehe, wenn dann im alltäglichenEinerlei des Lebens die glänzenden Täuschungen verschwinden,mit denen wir uns sonst entzückten; wenn wir dann, einer blinden,urtheillosen Sehnsucht zu gefallen, alles Andere aufgeopferthaben, was bleibendem Werth hat, als äußere Anmuth, an