Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
319
Einzelbild herunterladen
 

Md, wenn ihn Alles verkennt, nie verkannt sein möchte,Me kommt es, daß die Klage um den Mangel achter Freund-schaft so gewöhnlich-ist?

Klagender, prüfe wohl, wen du zu verürthcilen hast, eheBu verurthcilst. Prüfe dich selbst zuerst, ob du überall

wahr er Freund gewesen bist. Uebcrdenke es, was hastdu geleistet? Untersuche, ob du nicht mit überspannten, schwär-merischen Forderungen zu dem getreten bist, der dem Freundsein sollte; ob er seiner Natur nach fähig war, deine hohe Vor-stellung zu erfüllen; ob du nicht in die Freundschaft mehr dunkele,Hnnliche Gefühle, als Klugheit und ruhige, besonnene Ansicht2er Dinge brachtest; ob du dich zuletzt nicht weit mehr selberbetrogen habest, als daß man dich hat betrügen wollen.

Der Grund früherer oder späterer TrennungBon Freundschaften wird gewöhnlich schon in demwichtigen Augenblicke gelegt, da man den Bundit einander schließt. Selten bringt man da den prüfendenBlick der Besonnenheit mit, sondern es ist irgend ein Anlaß zurFröhlichkeit, wo das Herz üöerwallt, und sich Jedem gernchingibt, ohne Arg; ein Gefallen an der angenehmen GestaltLes Andern, und die daraus entspringende Begierde, von ihmgeliebt zu sein; dies Wohlgefallen an der Anmuth der Person,wenn es lebhafter wird, erfüllt uns mit reizenden Selbst-täuschungen, und wir betrügen uns willig, indem wir dem ge-liebten Gegenstand alle Arten der Seelenvollkommenheitenzuschrciben, durch die er über uns erhaben steht; oft ist-es nur ein schmeichelndes Wachwerden unserer Eitelkeit, wasAns die Freundschaft mit Jemand wünschenswerth macht, indemwir ihn geachtet, gelobt, bewundert sehen, und unfern eigenenWerth in den Augen der Leute zu erhöhen glauben, wennwir uns rühmen können, dic-Liebe, Hochachtung und An-Hänglichkeit solcher Personen gefesselt zu haben.

Allein was ein dunkelcs, angenehmes Gefühl uns oft cin-Zehen läßt, billigt nachher nicht immer die reifere Ueberlcgung.Wahr ist cs, lieben sollst du den Freund mit demHerzen; aber wählen sollst du ihn mit dem Vcr-