Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
309
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Nein, nicht vergebens bekleidete die Allmachthand desSchöpfers alle seine Werke mit hoher Schönheit! Nicht ver-gebens suchte er mein Auge durch die Pracht der auserlesenstenFarben zu fesseln, mit denen er das Größte und Kleinste, denblauen Himmelsbogen mit goldenen Sternen, wie den flatterndenSchmetterling mit den zierlichen Flügeln, überstreute. Nicht ver-gebens verbarg er im Kelch der Blüthen die wunderbarstenWohlgerüche, welche sie im Hauch der Lüfte ergießen. Nichtvergebens gab er den Vögeln des Waldes die Kehlen voll lieb-lichen Gesanges, mit welchen sie die Morgen und Nächte begrüßen,und bald Wehmuth, bald Heiterkeit in mein Herz tragen.

Und ist es mir gestattet, das Reizende zu empfinden, welchesdie Erscheinungen der Natur so anziehend macht: warum soll iches verachten, wenn es die Geschicklichkeit des Menschen verehrendnachbildet? Da wir im Irdischen doch nie des Irdischen ent-behren können: warum soll ich in dasjenige, was meine HandIrdisches zusammenbauet, nicht auch den Zauber des Schönenhineinbringen, welchen ich, Gott nachahmend, aus seinemeigenen Wirken kennen lernte?

Wie Tugend die Krone des unsterblichen Geistes, so istSchönheit die Krone des Irdischen. Sie ist's, in welchem sichgleichsam das Irdische verklärt, und in eine geistige Natur über-geht. Ja, sie ist selbst, wenn ich sic näher beobachte, einBund von Tugenden, die ich, auch als Christ, zu ehren Pflichtfühle. Denn es gibt keine Schönheit, in der ich nicht Einfalt,Klarheit, Ordnung, Uebereinstimmung aller Theile zum Ganzen,Reinheit, Natürlichkeit, Adel und Lieblichkeit finde und verehre.Es scheint, daß ich nur darum etwas anmuthig finde, weilcs gleichsam sinnlich irgend eine Tugend des Gcmüthes aus-spricht.

Ja, den Sinn für das Schöne gab uns Gott; ohne diesenSinn hätten wir den Schöpfer in seiner eigenen Schöpfungnicht verstanden; ohne diesen Sinn würden wir, gleich denThicren des Waldes, noch in Wüsten leben, in Höhlen wohnen,in stinkenden Fellen einherwandeln, und uns nicht zur wür-digem Anbetung Gottes erhoben haben.