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in allen Welttheilcn, mag eure Selbstsucht, Kinder des Jahr-hunderts, sic auch Niemandem gewähren wollen.
Was wohlanständig und geziemend ist, ehret der Christ.Edle Sitten sollen aber, nach J.-fu und seiner JüngerLehre, nur die Frucht edler Gesinnungen sein. FeineLebensart ohne reine Gcmüthsart ist nur todte Hülse, ohneKern; ist Schminke auf den Wangen eines tobten Leichnams.Auch ist, wenn gleich die Wahrhaftigkeit, doch noch nichtder Sinn für Wahrheit so ganz ausgestorbcn, daß man nichtschnell genug den höflichen Gleißner vom redlichen Mann unter-scheiden , und jenen, der nichts als Artigkeiten ohne andereVerdienste aufzuwcisen hat, im Stillen verachten sollte.
Sind edle Sitten die Wirkung eines edeln Gemüths, werdenwir sie ehren. Aber nicht immerdar sind sie es; sondern nur erlernteGebcrdcn, erkünstelte Nachäffungen des holden Tugendreizes.
Darum ist es gefährlich, auf das Wohlanständige einen höhernWerth zu setzen, als ihm gebührt. Es verleitet den Schwachenleicht zum Wahn, er habe die Tugend, deren Geberden er nach-künsirU; oder es sei das Schickliche überall verzuziehen, selbst
Lugend, wenn ihre Erscheinung Pflicht wäre. Und VieserSchwachen, o wie groß ist ihre Zahl an Höfen der Großen, wiein Hütten des gemein-en Volks l Wie oft wird aus Höflichkeiteine Wahrheit verschwiegen und gegen.schmeichlerische Lüge ver-rauscht ! — wie oft aus Liebe zum Schicklichen der Verleumdetenun mit verleumdet, der Verspottete nun mit verspottet, weilinan sich nicht zum Schutzredner des Allgemeinvrrlachten auf-zuwerzen wagt! — wie oft aus falscher Ehrerbietung das Lasterdes Vornehmen beschönigt, und die Verruchtheit des glücklichenBösewichts verherrlicht! Wie oft wird aus Höflichkeit ge-schwiegen , wenn die Unschuld verdächtigt oder verdammt wird,wo mnthigc Rede und Wahrheit bester geziemt haben würde!
Diese schändliche Erschlaffung, diese Eigenthümlichkeit unsersZeitalters ist eine Wirkung von der Verkehrtheit der Begriffe,da man auf das vermeinte Wohlanständige einen allzuhohenWerth setzt, und sich aus Liebe zur feinen Sitte des edeln Gemüthsselber schämt.