wir auch von Andern die Beobachtung des Anstandes fordernkönnen. Welche Verwilderung, welches Elend müßte erwachsen,wenn Jeder, der nicht Neigung hätte, uns zu lieben, ohne Scheuseine Verachtung ausdrückte; wenn der Wüstling ohne Schamdas Ohr der Unschuld mit unzüchtigen Worten beleidigen dürste;wenn der Unreine und Pöbelhafte uns ohne Rücksicht mit seinenekelerregenden Nachlässigkeiten begegnen wollte!
Jedermann fühlt dies. Jedermann fordert von Andern, undmit Recht, die Beobachtung der ihm schuldigen Ehrerbietung.Jedermann weiß, wie leicht man sich die Menschen durch eingütiges, verbindliches Benehmen geneigt inacht. Und in derThat, es ist weniger nothwendig, darauf aufmerksam zu machen,daß man nie das Schickliche und Geziemende versäume, alsvielmehr, daß man feinere Lebensart, Höflichkeit und ein-schmeichelndes Aeußere nicht für die Hauptsache halte, die imUmgang zu beobachten sei.
Wirklich ist es in vielen christlich heißenden Familien ein nurallzugemeiner Fehler, daß sie auf das Wohlanständige einenallzuhohen Werth setzen. Es gibt Tausende von Menschen,denen es erträglicher ist, für lasterhaft gehalten zu werden, alsfür lächerlich. Sie verzeihen sich weit leichter eine Schandthat,als ein Versehen gegen den guten Ton. Es gibt unzählige Aeltcrn,die vom Morgen bis Abend bemüht sind, ihren Kindern an-genehme Stellungen, verbindliche Redensarten, höfliches Be-- tragen, Geschicklichkeiten aller Art beizubringen, während sieziemlich gleichgültig sind, ob die jungen Herzen Anlage zurEitelkeit, zum Geiz, zum Jähzorn, zum Neid, zum Hochmuthoder zur Heuchelei und Verstellung haben. Welch ein Menschen-geschlecht, welch ein Zeitalter muß daraus hervorgehcn, wennman der Jugend die Religion Jesu als bloße Glaubenssache,die Gottesverehrung als bloße herkömmliche Uebung, die Tugendals eine schöne Eigenschaft oder löbliche Gewohnheit, aber An-stand, feine Lebensart und einschmeichelndes Wesen als Haupt-sache schildert, sein Glück auf Erden zu machen! Es entstehtdaraus ein Zeitalter, ein Menschengeschlecht, wie das unserige,wo Alles auf den Schein, wenig auf die innere Wahrheit berechnet