Druckschrift 
5 (1837) Andachtsbuch für die Jugend
Entstehung
Seite
267
Einzelbild herunterladen
 

diene, durch das, was er empfangen hat: sollen wir uns deswegenrühmen, und den Andern verachten oder gar verfolgen, weil er,vermöge der ihm verliehenen Naturgaben, nicht mit uns inWorten und Vorstellungen Übereinkommen kann? Nimmer-mehr; das Reich Gottes stehet nicht in Worten. Nur der irrt,welcher von Andern Vorstellungen und Worte vernimmt, die ermit seiner Art zu sein, nicht in Harmonie bringen kann, alsodaß er mit sich selber in Zwietracht verfällt.

Das Reich Gottes stehet nicht in Worten; nicht im Wort-machen; nicht im langen und vielen Gebettreiben; nicht imfortwährenden Laufen zur Kirche; nicht im äußerlichen Andacht-schein; nicht im Ablesen und Auswendiglernen von frommenSprüchen, Liedern, Gebetsformeln das Alles fordert unserHeiland nicht. Aber er kannte der Menschen Verirrlichkeit. Erwarnte davor seine Jünger und alles Volk, das an ihn glaubte.Ein Seufzer des bußfertigen Zöllners galt ihm mehr, als diestundenlangen Andachten der gern fromm sein wollenden Pha-risäer. Wenn du betest, sprach er, so gehe in dein Kämmerlein,und schließe die Thür zu, und bete zu deinem Vater im Ver-borgenen; und dein Vater, der in das Verborgene stehet,wird es dir vergelten öffentlich. Und wenn du betest, sollstdunichtvielplappern, wie die Heiden, denn sie meinen,sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen! (Ev.Matth. 6, 6. 7.)

Also sprach Christus, der göttliche Sohn, der Stifter desgöttlichen Reichs. Wehe, und doch wie vielen, oft nur durchBeispiel oder Gewohnheit Verführten ist ihre Religion nichts,denn eine Wortmacherei; ein beständiges, strenges Beobachtenäußerlicher kirchlicher Gebräuche; ein Versäumen höherer Pflichten,um sich nur so oft, als möglich, in den Kirchen zu zeigen; einfleißiges Besuchen sogenannter Betstunden, um da, oft mit sehrerloschener Andacht, oft mit unreinen Gefühlen des Hasses undNeides, lange Gebete und viele Worte zu machen; ein Rennenzu Messen und Wallfahrten, um da mit vielen Gebeten denHimmel zu verdienen, den sie im bürgerlichen Leben durch Ueppig-keit, Schadenfreude, Unkeuschheit, Eigennutz und mancherlei rm-