Rede, wie du denkst. Lobe nicht, was dich dein Herzund Geist verachten heißen; finde nicht vor andern Menschenverzeihlich, was du in deinem Gewissen für unverzeihlich und. gottlos hältst. Spotte nicht der Tugend, der Unschuld, derGewissenhaftigkeit, während dein Herz dir Ehrfurcht dafürgebietet.
Rede nicht Alles, was du denkst.—Es ist möglich,daß du oft in Lagen geräthst, wo du unter verdorbenen oderauch nur leichtsinnigen Gesellschaften den Wüstling entschuldigen,oder wohl gar preisen hörst; es ist möglich, daß auf Unkostendes redlichen Mannes Spötter ohne Zartgefühl ihren Witz aus-- spenden: aber wer zwingt dich da, in die tadelhafte Spracheeinzustimmen? Wer nöthigt dich, gegen deine bessern Ueber-zeugungen zu reden? — Verbieten dir deine Verhältnisse, dichund deine Empfindungen auszusprechen; findest du den Augen-blick unvortheilhaft, mit Ernst einzutretcn, und die Worte derWahrheit feierlich zu bekennen, wo Alles nur für Scherz undMuthwille gestimmt ist — kein Verhältniß kann dir zu schweigenverbieten. Da ist dein Schweigen Rede, da dein Schweigen einstummer Tadel des Unrechts.
Niemand gebietet dir da, dein Urtheil über fremde Fehlermit Ernst und Strenge auszusprechen, wo du dazu keinen Berufnoch Hoffnung hast, mit deinem Urtheil etwas Gutes zu be-wirken. Hier ist dein Schweigen Weisheit: dein Tadel hinterdem Rücken des Fehlbaren wäre vielleicht Unklugheit und Wir-kung eitler Tadelsucht. Aber Niemand gebietet dir auch, etwas,was an sich verdammlich ist, lobenswürdig an denen zu finden,deren Gunst dir wichtig sein kann. Stehst du in der Nothwendig-keit, loben zu müssen — wahrlich, kein Mensch ist so ganz schlecht,daß er nicht auch verdienstvolle Eigenschaften besäße: nenne diese,aber schmeichle nicht seinen Fehlern. Er wird dich in jenem Fallehren, weil du sein Gutes anerkennst; er würde dich in diesemFalle als einen Heuchler oder als einen getäuschten Kurzsichtigennur verachten.
Und da, wo du darfst — da, wo dein Wort und dein Urtheilnicht ganz vergebens schallt — nenne das Laster bei seinem Namen