Wir bringen den größten Theil unserer Tage damit hm,unserm Körper mancherlei Fertigkeiten und Geschicklichkeiten zuverschaffen, Handwerke, Künste und andere Gewerbe zu erlernen,wodurch wir unser Brod verdienen können; wir lassen uns sogarnicht verdrießen, oft mit großer Mühe Dinge zu lernen, welchekeineswegs zu unsen.n Nutzen, sondern bloß zu unserm Ver-gnügen gehören. — Wenn wir nun so viel Sorge für den sterb-lichen Leib anwenden: warum wollen wir nicht auch auf dieNahrung unsers Geistes bedacht sein, der sich der Unsterblichkeiterfreuen soll? Ist der Geist nicht edler denn der Leib?
Nein, bei vielen unserer heutigen Menschen ist der Leib edler,denn der Geist. Sie sorgen mit Eifer für die Schönheit ihresKörpers; weihen viele kostbare Stunden dem Schmuck desselbendurch zierliche Gewänder; wissen durch Anstand, Anmuth undHöflichkeit zu gefallen; können durch Gewandtheit und Beweg-lichkeit der Glieder in Tanzsälcn bezaubern; üben sich, überallmehr zu scheinen, als sie sind. Aber der unsterbliche Geist diesergewandten, geputzten, artigen, beifallsüchtigen Wesen ist arm,leer, verwahrloset.
Nicht der Leib ist es, der uns über die Thiere erhöht — denhaben wir mit ihnen gemein — sondern der Geist. Nicht inRücksicht des Körpers lautet von uns, daß wir von Gott ihmzum Ebenbilde geschaffen worden sind, sondern in Rücksicht desGeistes; denn Gott ist kein irdisches Wesen. So ist es denn desMenschen erste Pflicht, daß er sich durch Ausbildung des Geistesund aller seiner wunderbaren Anlagen, durch Erforschung dessen,was wahr, recht und nützlich ist, über die Thiere erhebe, undseine angestammte höhere Würde behaupte. So ist es Sünde,wenn er durch Unwissenheit verwildert, roh, abergläubig, un-verständig wird; wenn er nicht mehr weiß, als wie er seinen Leibbehaglich nähren, zierlich kleiden, schicklich behausen könne, aber vondem nichts weiß, was den Menschen zum höhern Wesen macht,und keine Erkenntniß von Gott und göttlichen Dingen besitzt.
Es ist keineswegs nothwendig, daß Einer ein Allwiffendersein müsse. Doch welchen Stand und Beruf auch der Mensch indieser Welt habe, er findet in jeglichem hinlänglichen Anlaß, die