sei. Denn die heilige Schrift lehrt mich das Erscheinen der ächtenFrömmigkeit ganz anders kennen. Das geschmückteste der Lasterist immer nur ein übertünchtes Grab, und der fleischlich-gesinnte,thierisch-genießende, thierisch-strebende Mensch nur ein Wolf inSchafskleidern. Aber die Frucht des Geistes, sagt Paulus,ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlich-keit, Gütigkeit, Glaube, Sanftmuth, Keuschheit.<Gal. 5, 22.)
Nein, wahres Christenthum ist nicht rauh, beleidigend,menschenfeindlich, verschlossen. Wie möchte sich dies mit derLiebe paaren lassen, welche die innerste reinste Quelle alles christ-lichen Sinnes ist? Floh denn Jeftrs in Einöden? Haßte er denUmgang mit Sündern? Baute er sich Zellen in Wüsteneien, woihn selten ein Sterblicher erblicken konnte? Munterte er dazuauf? Lehrte er alle Annehmlichkeiten des Lebens verschmähen?—Nein, er wohnte gern unter den Sterblichen, er trug mit Geduldihre Schwachheiten, sogar mitScelengröße alle ihre Verfolgungenund Kränkungen. Er war l ei ihren Vergnügungen, fehlte inihren frohen, geselligen Kreisen nicht; genoß die Süßigkeit derFreundschaft; wie oft lag Johannes an seinem zärtlichen Herzen!Selbst was das Leben sinnlich veranmuthigt, versagte er wederAndern, noch sich. Er schuf den erfreuenden Wein in den leerenKrügen der Hochzeit zu Kana, und wenn ihm, nach morgen-ländischer Sitte, das Haupthaar mit köstlich duftenden Oelengesalbct ward, lehnte er cs nicht ab.
Nein, wahrer Christussinn und das Bewußtsein gerechterSache inacht unmöglich hart und ungefällig gegen Andere; floßtkeinen Zorn, keine Verachtung gegen Andere ein, die nicht soLenken, wie ich; gibt mir das Schwert nicht in die Faust, Mit-menschen zu verfolgen, die da Meinungen haben, welche mitden meimgen nicht übcreinstimmen. Das ist nicht Christusstnn,das ist unduldsamer Stolz, das ist gallsüchtiger, rasender, vonGott sich entfernender Eifer! Das ist eine mörderische Menschen-freundlichkeit, eine die Werke Gottes verheerende Liebe zu Gott.Das ist nicht Hochachtung und Gefühl der gerechten Sache, dieman ergriffen hat, sondern unmäßige Hochschätzung und Ver-