Sie haben noch Gewalt über sich, und sind ihrer Leiden-schaften und schändlichen Gewohnheiten so weit Meister, daßsie den öffentlichen Ausbruch derselben verhüten können. Sicfehlen, und fehlen mit vollem Bewußtsein ihrer Schändlichkeit;sie treiben ihre Werke der Finsterniß, und treiben sie nach an-genommenen Grundsätzen. Wahrlich, sie sind vor den richten-den Blicken der Gerechtigkeit sträflicher noch, als jene Unglück-lichen, welche, von der Betäubung ihrer Sinne ergriffen, ihreVerderbtheit nicht mehr verhehlen können.
In diesem Bilde erkenne dich schaudernd, Sünder, demsein Gewissen sagt: du bist's! und welchem noch so vielRechtgefühl übrig blieb, zu erkennen, was edel oder unedelsei! Erkenne dich, Entweiher fremder Ehre; Verkürzer undEntwender fremden Eigenthums; Verletzer fremder Rechtsame,heimtückischer Sclbstsüchtling, der Andern gern Gruben gräbt;und du, giftiger Verleumder, der du mit eben den Lippendem Verleumdeten lächelst, mit welchen du kurz vorher- dieAchtung Anderer für ihn schmälertest.
Gefährlicher bist du, als der offene Verbrecher, Andern;aber, so bringt es deines Lasters Art mit sich, gefährlicher auchdir selber. Denn dir kann Niemand rathen, so lange cs dirgelingt, die Eiterbeule deines Herzens vor Anderer Blicken zuverbergen; dir kann Niemand helfen, ehe du in deinen eigenenSchändlichkeitn untcrgehst. Deine Heimlichkeit macht dich indeinen Sünden nur sicherer; deine Beharrlichkeit dich wachsen-der im Verderben des Gemüths; deine wachsende Verdorben-heit dich nur reifer zum schrecklichen Ende des Spiels, dasdu mit selbstgefälliger Zufriedenheit treibst. Du wirst um soschrecklicher vergehen.
Du bist schon gestraft — du fühlst schon deine beginnendeHölle im Busen — ja, du bist nach Verhältnis der Größe deinesVergehens schon unglücklich genug — aber das größere Unglückwird folgen! Du wirst noch öffentlich leiden, auch Andern zurWarnung. Sprichst du bei dir: aber ich empfinde noch dasUnglück nicht, und weiß von keiner Hölle im Busen? — Wie?warum verbirgst du deine Sünde? Also fühlst du doch das