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Ohne daß ich mich genau selbst kenne, bin ich unfähig, wederzu beurtheilen, worin meine guten Anlagen bestehen, die ich zuhöhern Dingen benutzen sollte, noch woher vorzüg'ich meineallfälligen Mängel rühren, die mich hindern, eine volle Zurfriedenheit in und mit mir selbst und mit andern Dingen außermir zu haben. Wie soll ich Jemanden seines Jrrthums über-führen, bevor ich weiß, welche Jrrthümer ihm eigen sind?Oder wie soll ich etwas ausbeffern, von dem mir die Fehlerunbekannt bleiben?
Die wenigsten Menschen sind aber mit sich selbst hinläng'ichvertraut. Daher halten sie ihre wirklichen Mängel oft fürSchönheiten, und ihre guten Eigenschaften und Anlagen schätzensie bald zu hoch, bald zu niedrig. Daher sind sie selten immermit sich einverstanden; ihre Worte widersprechen ihren eigenenWorten, ihre Thaten ihren eigenen Thaten. Sie haben keineSelbstständigkeit, sondern lassen sich vom Strom der Umständehinreißen; sie beobachten wohl den Hafen, welchem sie entgegen-steuern, aber nicht das Schiff, in welchem sie fahren.
Nur derjenige, welcher ein anhaltendes Geschäft daraus»lacht, sich genau in allen seinen Gemüthsbewegungen zu be-obachten, weiß endlich auch, wc>Z er in der menschlichen Gesell-schaft werth ist. Wie wollte es der wissen können, der von sichnichts weiß, oder der thöricht genug ist, sie nie anders, alsnach den Eingebungen seiner Eigenliebe zu beurtheilen? Daherist es dann kein Wunder, wenn er glaubt, die Welt verkenne ,ihn, während die Welt ihn vielleicht richtiger beurtheilr, als ersich selbst. Daher auf allen Seiten Anstoß und Mißverständnis;daher beständige Zwietracht und Lieblosigkeit.
Es bildet sich wohl mancher ein, er sei großmüthig undversöhnlich gegen Feinde, weil er ihnen die Hand zum Friedenbietet; und doch ist er nur furchtsam und feig, weil er mit denenFreundschaft begehrt, die er im Grunde seines Herzens haßt.Es hält sich mancher für keusch und sittsam, welk er nicht indie Vergehungen und Schwächen Anderer verfallen ist; aber erbedenkt nicht, welche Umstände ihn am Fallen hinderten. Eswar vielleicht nicht sowohl der Abscheu vor der Sünde, als der