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Mangel der Gelegenheit, oder die bloße Furcht vor den Folgenvoller Schande, die ihn von den Ausschweifungen zurückhielt.Wohl hält sich mancher für gutthätig, hilfreich und gemeinnützig,weil er mit großem Vergnügen seine Unterstützung zu Allemdarbietet, was zum Besten einzelner Personen, oder der ganzenStadt oder des ganzen Landes gestiftet werden soll. Aber erbemerkt nicht, daß im Hintergründe seines Herzens der Ehrgeizlächelt, der alle seine Handlungen leitet, und daß er schwerlichin seinem Leben eine gute That gethan habe, von der nichtwenigstens auch ein Mensch gewußt haben sollte, daß sie vonihm herrühre. Gern will er Gutes; aber wenn er es thut,möchte er auch Zeugen dazu.
Diese Selbsttäuschung ist nun die Folge der allzugeringenSelbstkenntniß — und wer darf auf den Namen eines WeisenAnspruch machen, der sich auf gröbere oder feinere Art dochimmer selber betrügt?
Was bin ich in der menschlichen Gesellschaft werth? WelcheRolle spielte ich in derselben? Diese Frage, welche uns so nahegeht, welche sogar von unserer Eigenliebe begierig aufgcfaßtwird, kann ohne eine lange und scharfsinnige Beobachtung allesdessen, was täglich in unserm Gemüth vorzugehen pflegt, nichtbeantworten werden.
Erst dadurch, daß wir durch eigene Beobachtung unsersHerzens mit den geheimsten Falten desselben vertraut gewordensind; daß wir die bessern und schlechtem Beweggründe bemerkthaben, um welcher willen wir bei verschiedenen Anlässen so undnicht anders handelten; erst dadurch, daß wir wiederholt denWechsel unserer eigenen Empfindungen belauschen, die uns zu diesenoder jenen Entschließungen und Aeußcrungen Hintreiben — erstdadurch, sage ich, gelangen wir zu einem festen, zuverlässtgernMaßstab in der Beurtheilung anderer Menschen.
O, wer sein Inneres, sein Ich nicht bis ins Kleinste durch-forscht, der wage es doch nicht, über die Handlungen und Worteanderer Menschen zu urtheilen. Er wird sie nur sehr ober-flächlich nach dem Schein richten! Ist er noch über sich selbstund über die Quellen eigener Empfindungen nicht im Klaren,wie will er die geheimen Beweggründe eines fremden HrrzenS