24 Gastfreiheit. Sitten-Unterschied zwischen d. Wald. u. d.
des Grafen v. Waldburg-Truchseß/ preußischen Gesand-ten in Turin, dem die Waldenser in seiner kurz vor meinemDasein vollendeten Durchreise durch die Thäler ihre dankbareGesinnung und Liebe in vollem Maße erwiesen haben.
Zu den besonderen Tugenden der Waldenser gehört nebender Arbeitsamkeit, zu der ihre drückende Lage sie stets anfeu-crt, die Gastfreiheit; denn alles bieten sie auf, um demFremden die Reise zu erleichtern und angenehm zu machen.Die Prediger sind immer, da eigentliche Wirthshäuscr (in LaTour ausgenommen) fehlen, die Wirlhe der Reisenden undbemühen sich nach allen Kräften, ihnen eine angenehme Rück-erinnerung zu verschaffen; doch wird der Reisende, sollte er inden beschwerlichen Gebirgen nicht deren Wohnung erreichenkönnen, wie ich es selbst erfahren habe, auch bei den abgele-genen Eigenthümern, sei es auch spät in der Nacht, eine will-kommene Aufnahme finden. Diese machen nicht die geringsteForderung und weigern sich lange, eine Gegengabe anzuneh-men, und wenn es irgend ihre Zeit erlaubt, begleiten sie denFremden einen Theil des Wegs. —
Merklich tritt überall der Unterschied zwischen denWaldensern und ihren katholischen Nachbarn her-vor, während die zwischen den Protestanten wohnenden Katho-liken mit fortgebildct werden und in gutem Vernehmen mit ihnenstehen. Das allgemeine gegenseitige Vertrauen der Walden-ser, als Folge der fortgehenden Wahrhaftigkeit in Wort undLeben, findet man bei den katholischen Piemontesen nicht, jederist vor dem Andern auf seiner Hut, und der Reisende lerntbald sein Vertrauen zurückhaltcn, während er in jenen Thälernsich frei hingeben darf, ohne fein geschenktes Vertrauen ge-mißbraucht zu sehen. Der katholische Piemontese ist durch-schnittlich ausverschämt, verlangt für den geringsten Diensteine Entschädigung, und ist selbst bei der Darreichung nicht zu-frieden zu stellen, der Waldenser dagegen ist höchst dienstfertigund anspruchslos. Die Thalleutc gehen stets anständig undin allen Standen einfach gekleidet, nie wird das Auge durcheine Schaamlosigkeit verletzt, auf gleiche Weise beim männli-chen, wie beim weiblichen Geschlecht. Die katholischen Piemon-