Recht oft hört man in Gesellschaften von sogenanntGebildeten die enthusiastischen Ausrufungen: nur die Poesiesei Lebenszweck! und diese Poesie müsse jeder dichtendeSchriftsteller besitzen, sonst sei er kein Dichter. Dabei fäl-len die Herren denn auch ganz besondere Urtheile über neueBücher dieser Art. Die belletristischen Blätter führen ge-meiniglich eben diese Sprache *), und nach deren Aussprucheist ein eben erschienenes Werk entweder unter aller Critik,oder ganz vortrefflich, gehe reißend ab, sei schon vergriffen,müsse den Verleger steinreich machen, und auf den Autorkönne das Vaterland stolz seyn. So wird ins Blaue hin-ein noch mehr radotirt. Ich habe unter den fein gebilde-ten sogar Leute gefunden, welche nicht einmal wußten, daßLessing einen Nathan der Weise und Zschokkc einen Ga-leerensklaven geschrieben. Ueber neue Schriften der Ge-schichte, Biographieen, Memoiren, Politik und sonstigeUnterhaltungssachen, wird oft eben so viel Geschrei gemacht.Zum amüsiren ist so etwas allenfalls gut, nur sollten dieHerren nicht meinen, daß sie damit die Welt halten. Dieeigentlichen Fachgelehrten sprechen über ihre Werke langenicht so viel, achten und citiren auch die Alten.
Diese Mund« und Blätter-Reden brachten mich aufden Gedanken, zu untersuchen, ob wir denn wirklich soviele neue himmlisch poetische Dichter, Kunstschriftstellerund Redner der Lebenspoesie auf den Brettern besitzen,und ob die Herren denn die Bücher dieser ihrer Heroen
*) I» einem solchen hieß es vor Kurzem: „ Ich habe den jun,gen kräftigen Poeten lieb gewonnen, obwohl ich seine Gedichte nichthoch poetisch finden kann. Zuweilen nimmt er den Ansatz zu einereigenthümlich dichterischen Begeisterung, aber wenige Verse dahinterläuft die Prosa der bürgerlichen Gesinnung dazwischen u. s. w.