156
PORTIA.
überhaupt auszeichnen, auch noch ganz eigentümliche,besondere Gaben : hohe geistige Kraft, begeisterte Stim-mung, entschiedene Festigkeit und allem obschwebendeMunterkeit. Diese sind angeboren; sie bat aber nochandere ausgezeichnete äusserlichere Eigenschaften, dieaus ihrer Stellung und ihren Bezügen hervorgehen.So ist sie Erbin eines fürstlichen Namens und unbere-chenbaren Reichthums; ein Gefolg dienstwilliger Lust-barkeiten hat sie stets umgeben; von Kindheit an hatsie eine mit Wohlgerüchen und Schmeicheldüften durch-würzte Luft geathmet. Daher eine gebieterische Anmuth,eine vornehme hehre Zierlichkeit, ein Geist der Prachtin allem was sie thut und sagt, als die von Geburt anmit dem Glanze vertraute. Sie wandelt einher* wie inMarmorpalästen, unter goldverzierten Decken, aufFussböden von Ceder und Mosaiken von Jaspis und Por-phyr, in Gärten mit Standbildern, Blumen und Quellenund geisterartig flüsternder Musik. Sie ist voll eindrin-gender Weisheit, unverfälschter Zärtlichkeit und lebhaf-ten Witzes. Da sie aber nie Mangel, Gram, Furcht oderMisserfolg gekannt, so hat ihre Weisheit keinen Zug vonDüsterheit oder Trübheit; all' ihre Regungen sind mitGlauben, Hoffnung, Freude versetzt; und ihr Witz istnicht im mindesten böswillig oder beissend. »
Obige Worte entlehne ich einem Werke der FrauJameson, welches « Moralische, poetische und histo-rische Frauen-Charaktere» betitelt. Es ist in diesemBuche nur von Shakspear’schen Weibern die Rede, unddie angeführte Stelle zeugt von dem Geiste der Verfasse-rin, die wahrscheinlich von Geburt eine Schottin ist.