Druckschrift 
Shakspeares Maedchen und Frauen
Entstehung
Seite
120
Einzelbild herunterladen
 

120

OPHELIA.

Als ich von Wittenberg heimkehrle und das LächelnOphelias mir wieder entgegenleuchtete, vergass ich darü-ber alle Spitzfindigkeiten der Scholastik, und meinNachgrübeln betraf nur die holden Fragen : Was bedeutetjenes Lächeln? Was bedeutet jene Stimme, jener gelieim-nissvoll schmachtende Flötenton ? Woher empfangen jeneAugen ihre seligen Strahlen? Ist es ein Abglanz des Him-mels, oder erglänzt der Himmel nur von dem Wieder-schein dieser Augen? Steht jenes Lächeln im Zusam-menhang mit der stummen Musik des Sphären-tanzes, oder ist es nur die irdische Signatur derübersinnlichsten Harmonien? Eines Tages, als wir imSchlossgarten zu Helsingör uns ergingen, zärtlichscherzend und kosend, die Herzen in voller Sehn such ts-blüthe... es bleibt mir unvergesslich, wie bettelhaftder Gesang der Nachtigallen abstach gegen die himmel-hauchende Stimme Ophelias, und wie armselig blödedie Blumen aussahen mit ihren bunten Gesichtern ohneLächeln, wenn ich sie zufällig verglich mit dem holdseli-gen Munde Ophelias! Die schlanke Gestalt, wie wand-lende Lieblichkeit schwebte sie neben mir einher.

Ach! das ist der Fluch schwacher Menschen, dass sicjedesmal, wenn ihnen eine grosse Unbill wiederfährt,zunächst an dem Besten und Liebsten was sie besitzen,ihren Unmuth auslassen. Und der arme Hamlet zerstörtezunächst seine Vernunft, das herrliche Kleinod,stürzte sich durch verstellte Geistesverwirrung in denentsetzlichen Abgrund der wirklichen Tollheit, undquälte sein armes Mädchen, mit höhnischen Stachel-reden. .. Das arme Ding! das fehlte noch, dass der Ge-