Druckschrift 
Shakspeares Maedchen und Frauen
Entstehung
Seite
12
Einzelbild herunterladen
 

Begriffe etwas ausgedehnter als bei uns: Der Schauplatzseiner Dramen ist dieser Erdball, und das ist seine Ein-heit des Ortes; die Ewigkeit ist die Periode, während wel-cher seine Stücke spielen, und das ist seine Einheit derZeit; und beiden angemäss ist der Held seiner Dramen,der dort als Mittelpunkt strahlt, und die Einheit des In-teresse repräsentiert... Die Menschheit ist jener Held ,jener Held, welcher beständig stirbt und beständigaufersteht beständig liebt, beständig hasst, doch nochmehr liebt als hasst sich heute wie ein Wurm krümmt,morgen als ein Adler zur Sonne fliegt heute eine Nar-renkappe, morgen einen Lorber verdient, noch öfterbeides zu gleicher Zeit der grosse Zwerg, der kleineRiese, derhomöopatischzubereilete Gott,in welchem dieGöttlichkeit zwar sehr verdünnt, aber doch immerexistirt ach! lasst uns von dem Heldenthum dieses Hel-den nicht zu viel reden, aus Bescheidenheit und Scham!

Dieselbe Treue und Wahrheit , welche Shakspear inBetreff der Geschichte beurkundet, finden wir bei ihmin Betreff der Natur. Man pflegt zu sagen, dass er derNatur den Spiegel Vorhalte. Dieser Ausdruck ist tadel-haft, da er über das Verhältniss des Dichters zur Naturirre leitet. In dem Dichtergeiste spiegelt sich nicht dieNatur, sondern ein Bild derselben, das dem getreue-sten Spiegelbilde ähnlich, ist dem Geiste des Dichterseingeboren ; er bringt gleichsam die Welt mit zur Welt,und wenn er, aus dem träumenden Kindesalter erwa-chend, zum Bewusstseyn seiner selbst gelangt, ist ihmjeder Theil der äussern Erscheinungswelt gleich in sei-nem ganzen Zusammenhang begreifbar: denn er trägt