Deutsche Literatur im Auslande
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den Sprachen und selbst die größere Übereinstimmung zwischen deutscher und engli-scher Gesinnungsweise ohne Zweifel nicht wenig beigetragen. Schon vor 20t)Iahren waren Luther's „Tischgespräche" und selbst Schriften von Jakob Böhmein mehren Übersetzungen in England verbreitet, welche wol für die ältesten engli-schen Übertragungen aus dem Deutschen gelten können, obwol unter dem vernich-tenden Einflüsse des dreißigjährigen Krieges, welcher auch die Fortentwickelung derdeutschen Kunst und Wissenschaft selbst auf lange Zeit zerstörte, das literarischeVerhältniß zwischen England und Deutschland bald wieder aufhörte, sodaß es Nie-manden mehr einfiel, aus deutscher Literatur, die wieder untergegangen zu seinschien, Aneignungen zu machen. Nachdem aber unsere Poesie allmälig ihreWiedergeburt errungen und zu einem vollen, in alle Nachbarländer hinüberragen-den Blütenbaum herangewachsen, hat sich auch die alte literarische Sympathiezwischen England und Deutschland so umfassend wiederhergestellt, daß jetzt nichtnur in London ein eignes Lehramt der deutschen Literatur errichtet worden (in derPerson des Professors Mühlenfels, der auch 1830 zu London eine „Introckuctionw a course c>5 German iiteruwre" herausgegeben), sondern auch, außer vielenÜbersetzungen deutscher Originalwerke, bereits selbst literarhistorische Darstellungender deutschen Literatur versucht werden. So erschien 1830 in London ein Buchvon Taylor in drei Bänden: „Historie surve^ of ^ermun poetr^, intersjiersellwitll vclrious trunslations", dessen Verfasser heutzutage einer der eifrigsten Beför-derer der deutschen Poesie in England ist, obwol nicht zu leugnen, daß seine Arbeit,um ihrem Zwecke nützlicher zu werden, bei weitem besser hätte ausfallen können.Sein Buch ist nichts als eine ziemlich zufällig aufgegriffene Sammelei von lauterNotizen und Einzelnheiten, und gibt durchaus keine übersichtliche oder irgend geistigzusammenhängende Entwickelung deutscher Literatur. Um der zahllosen Irrthümerzu geschweigen, die in den literarischen Angaben Taylor's enthalten sind, so werdenauch Jean Paul und Tieck in seiner historischen Übersicht der deutschen Poesienicht einmal dem Namen nach aufgeführt, während dagegen fast den zehntenTheil des Werkes eine auffallend weitschweifige Biographie Kotzebue's ein-nimmt, der auch sonst von dem Verfasser als ein wahrer Gott verehrt wird.Es ist überhaupt merkwürdig, zu sehen, wie es gerade der leichtbeflügelte Kotzebuewar, der am vielfältigsten und zum Theil auch am frühesten unter allen deutschenSchriftstellern ins Ausland überging, und mehr als die meisten unserer Classirerin fremde Sprachen, selbst ins Neugriechische und Türkische, übersetzt wurde, wie-wol sich neuerdings, besonders in den englischen Reviews, auch einige sehr scharfekritische Stimmen gegen ihn erhoben haben. Der beste Theil der genannten Ar-beit von Taylor sind aber die vielen darin mitgetheilten Übersetzungen theils ein-zelner, und freilich nicht immer sehr glücklich ausgewählter Stücke aus deutschenAutoren, theils ganzer Kunstwerke, wie Göthe's „Jphigenia", Lessi'ng's „Nathander Weise" u. a. Was an ihnen zu loben, ist die Treue und Genauigkeit, mitder sie sich ans Original halten; auch verräth der Übersetzer ohne Zweifel vielKenntniß der deutschen Sprache. Unter den Übertragungen, die nicht von Taylorselbst herrühren, finden sich auch einzelne von Shelley übersetzte Scenen ausGöthe's „Faust", von welchen wir später sprechen werden, und die der Heraus-geber hier aufgenommen, obwol er sich sonst, wie er selbst gesteht, eigentlich nichtviel aus dem „Faust" macht. Das Urtheil des englischen Literarhistorikers er-scheint überhaupt sehr dürftig und einseitig; er verräth abgeschmackte Ansichtenvon Kunst und Philosophie im Allgemeinen und hat seine kritischen Ideen überunsere Literatur aus veralteten deutschen Büchern des vorigen Jahrhunderts,vornehmlich aus Sulzer's „Theorie der schönen Künste" geschöpft, sodaß derneuere Standpunkt der deutschen Literatur durchaus nicht für die Engländer dar-aus gewonnen werden kann. Zu diesem letztern Zwecke vermag aber ein ausge-Conv.-Lex. der neuesten Aeit und Literatur. I. 41