Choris 435
tm sondern sich, wie bei andern Krankheiten, von dem jedesmaligen Charakter derKrankheit, überhaupt von dem Erfunde am Krankenbette leiten ließen, verdientLob, nicht Tadel; wer den letztern gegen dieses Verfahren richtet, hat keinen Be-griff von arztlicher Kunst, sondern hangt an dem Wahne des Volkes, daß gegen jedeKrankheit ein besonderes Mittel helfen müsse, und mit solcher Meinung ist dennkein wissenschaftlicher Streit zu führen. Die Erkenntniß der Krankheit und dasnochwendige Heilverfahren in derselben ist, trotz aller gehässigen Gegenrede, dennochbedeutend gefördert worden, und schon der Umstand spricht dafür, daß man nichtmehr, wie früher, Specisica gegen die Cholera sucht. Ein anderer Vorwurf ist denÄrzten über die Verschiedenheit ihrer Meinungen vom Sitze und von der Naturder Krankheit gemacht worden; aber abgesehen davon, daß diese Kenntniß für dieAusübung der Kunst keineswegs so wesentlich ist, als der Nichtarzt glaubt, so ge-hört die Erörterung dieser Gegenstande gewiß zu den schwierigsten Aufgaben beieiner Krankheit, welche beinahe urplötzlich sich in allen drei Hauptspstemen des Kör-pers zugleich äußert, wo denn freilich der individuellen Meinung überlassen bleibt,über die Priorität des Erkrankens in einem oder dem andern Systeme die mißlicheEntscheidung zu fällen. Zudem sind diese Meinungen nicht als entschiedene undfür immer bestimmte Aussprüche geltend gemacht worden, sondern für Materialienzu einer künftigen Pathologie der Cholera, und da mag man der im menschlichenWissen unvermeidlichen Verschiedenheit der Ansicht wol den nöthigen Spielraumgönnen. Daß nun bei Gelegenheit der Choleraepidemie, wo Jeder mitsprechen zumüssen glaubt, dem eigentlich keine Stimme in wissenschaftlichen Verhandlungen zu-käme, gar manches Unreife, Schiefe, Absurde und wahrhaft Lächerliche zu Tage ge-fördert worden ist, wer wollte dies leugnen, und wer wollte, bei der vielleicht schonins vierte Hundert angeschwollenen Flut der Choleraschriften, es anders erwarten ?Aber die Gahrung läutert auch hier den trüben Most, wirft alles Unreine und Un-taugliche auf die Oberfläche, und wird auch hier den hellen Wein der Erkenntnißfördern, wie ja sonst auch in andern Gegenständen und zu andern Zeiten. Und sowird auch diese Weltseuche vorüberziehen, wie andere vor ihr, unabwendbar freilichdurch Menschenkräfte, aber gemildert durch sie, soviel sie es vermochten; auch siewird, wie andere große Seuchen, eine neue Entwicklungsstufe der ärztlichen Kunstbegründen, indem sie der Denk- und Handlungsweise der Ärzte eine veränderteRichtung ertheilt; welche Epoche in der Geschichte der Medicin sie bezeichnen wer-de, vermag erst eine späte Folgezeit zu entscheiden, die keiner der jetzt Lebenden mehrsehen wird. (42)
Choris (Ludwig), zu Pekaterinoslaw in Kleinrußland am 22. Marz1795 von deutschen Altern geboren, erhielt seine erste Bildung auf dem Gym-nasium zu Charkow. Von der zartesten Kindheit an verrieth er ein ungewöhn-liches Talent zum Zeichnen, und überhaupt große Liebe zur Kunst. Bald saher sich von einem durchreisenden Portraitmaler besonders angezogen; nunsollte ihm alle Welt sitzen, auch er wollte Bildnißmaler werden; doch sein vielgestal-tender Geist begnügte sich nicht mit Einförmigem. Das Studium der Naturge-schichte führte ihn zur Landschaftsmalerei, und diese flößte ihm frühzeitig einen un-widerstehlichen Hang zum Reisen ein. Seine Geschicklichkeit verschaffte ihm denNortheil, 1813 den berühmten Pflanzenkenner Marschall von Biberstein auf sei-ner Reise nach dem Kaukasus begleiten zu dürfen. Fast alle Blumen der „?laraCaucasüma" sind von C. gezeichnet. Er begab sich 1814 nach Petersburg,um dort die Kunstakademie zu besuchen. Hier zeichnete er sich bald so sehraus, daß er von dem Reichskanzler Grafen Numjänzoff gewählt wurde, als Malerdas auf dessen Kosten ausgerüstete Schiff Aurik bei seiner Fahrt um die Erdeunter dem Befehle des Lieutenants Otto von Kotzebue zu begleiten. Auf dieser
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