Druckschrift 
Buch der Lieder
Entstehung
Seite
393
Einzelbild herunterladen
 

DIL NTIKiKTNk

Die Wallfahrt nach Kevlaar*)

Am Fenster stand die Mutter,

Im Bette lag der Sohn.

Willst du nicht aufstehn, Wilhelm,

Zu schaun die Prozession?"

Ich bin so krank, o Mutter,

Daß ich nicht hör und seh,-Ich denk an das tote Gretchen,

Da tut das Herz mir weh."

Bei dem ältesten Abdruck war dies Lied von folgender Nachbemerkungbegleitet:

Der Stoff dieses Gedichtes ist nicht ganz mein Eigentum. Es entstanddurch Erinnerung an die rheinische Heimat. Als ich ein kleiner Knabe war,und im Franziskanerkloster in Düsseldorf die erste Dressur erhielt und dortzuerst Buchstabieren und Stillsitzen lernte, saß ich oft neben einem andernKnaben, der mir immer erzählte: wie seine Mutter ihn nach Kevlaar (der Akzentliegt auf der ersten Silbe, und der Ort selbst liegt im Geldernschen) einstmalsmitgenommen, wie sie dort einen wächsernen Fuß für ihn geopfert, und wiesein eigner schlimmer Fuß dadurch geheilt sei. Mit diesem Knaben traf ichwieder zusammen in der obersten Klasse des Gymnasiums, und als wir imPhilosophen-Kollegium bei Rektor Schallmcyer nebeneinander zu sitzen kamen,erinnerte er mich lachend an jene Mirakel-Erzählung, setzte aber doch etwasernsthast hinzu: jetzt würde er der Mutter Gottes ein wächsernes Herz opfern.Ich hörte später, er habe damals an einer unglücklichen Liebschaft laboriert,und endlich kam er mir ganz aus den Augen und aus dem Gedächtnis. ImJahre i819, als ich in Bonn studierte und einmal in der Gegend von Godesbergam Rhein spazieren ging, hörte ich in der Ferne die wohlbekannten Kcvlaar-Licdcr,

393