selber zu dieser Einsicht bald nach der JuliuSrcvolution, als der Geist des Rc-pnblikanismns in allen gesellschaftlichen Verhältnissen sich kund gab. DerLorbeer eines großen Dichters war nnscrn Republikanern eben so verhaßt, wieder Purpur eines großen Königs. Auch die geistigen Unterschiede der Men-schen wollten sie vertilgen, und indem sie alle Gedanken, die auf dem Territo-rium des Staates entsprossen, als bürgerliches Gemeingut betrachteten, bliebihnen nichts mehr übrig, als auch die Gleichheit des Styls zu decretircn. Undin der That, ein gntcr Styl wurde als etwas Aristokratisches verschrien, undvielfach hörten wir die Behauptung: Der echte Demokrat schreibt, wie dasVolk, herzlich schlicht und schlecht. Den meiste» Männern der Bewegung ge-lang dieses sehr leicht; aber nicht Jedem ist es gegeben, schlecht zuschreiben,zumal wenn man sich zuvor das Schönschreiben angewöhnt hatte, und da hießcS gleich: Das ist ein Aristokrat, ein Liebhaber der Form, ein Freund derKunst, ein Feind des Volks. Sic meinten es gewiß ehrlich, wie der heiligeHieronymus, der seinen guten Styl für eine Sünde hielt und sich weidlichdafür geißelte.
Eben so wenig wie antikatholische, finden wir auch antiabsolutistischc Klängeim Don Quirotc. Kritiker, welche dergleichen darin wittern, sind offenbarim Jrrthum. Cervantes war der Sohn einer Schule, welche den unbe-dingten Gehorsam für den Obcrhcrrn sogar poetisch idcalisirt hatte. Und die-ser Oberhcrr war König von Spanien zu einer Zeit, wo die Majestät dessel-ben die ganze Welt überstrahlte. Der gemeine Soldat fühlte sich im Licht-strahl jener Majestät und opferte gern seine individuelle Freiheit für solcheBefriedigung des castilianischcn Nationalstolzes.
Die politische Größe Spaniens zu jener Zeit mochte nicht wenig das Ge-müt!) seiner Schriftsteller erhöhen und erweitern. Auch im Geiste eines spa-nischen Dichters ging die Sonne nicht unter, wie im Reiche Karls V. Diewilden Kämpfe mit den Moriskcn waren beendigt, und wie nach einem Ge-witter die Blumen am stärksten duften, so erblüht die Poesie immer am herr-lichsten nach einem Bürgerkrieg. Dieselbe Erscheinung sehen wir in Englandzur Zeit der Elisabeth, und gleichzeitig mit Spanien entsprang dort eineDichtcrschule, die zu merkwürdigen Vergleichungcn auffordcrt. Dort sehenwir Shakespeare, hier Cervantes als die Blüthe der Schule.
Wie die spanischen Dichter unter den drei Philippen, so haben auch dieenglischen unter der Elisabc th eine gewisse Familienähnlichkeit, und wederShakespeare noch Cervantes können ans Originalität in unserem SinneAnspruch machen. Sie unterscheiden sich von ihren Zeitgenossen keineswegsdurch besonderes Fühlen und Denken oder besondere Darstellungsart, sondernnur durch bedeutendere Tiefe, Innigkeit, Zärtc und Kraft; ihre Dichtungensind mehr durchdrungen und nmflofscn vom Aether der Poesie.