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Aber beide Dichter sind nicht bloß die Bliithe ihrer Zeit, sondern sie warenanch die Wurzel der Zukunft. Wie Shakespeare durch den Einfluß seinerWerke, namentlich auf Deutschland und das heutige Frankreich, als der Stif-ter der späteren dramatischen Kunst zu betrachten ist, so müssen wir im Cer-vantes den Stifter des modernen Romans verehren. Hierüber erlaube ichmir einige flüchtige Bemerkungen.
Der ältere Roman, der sogenannte Ritterrvman, entsprang aus der Poesiedes Mittelalters; er war zuerst eine prosaische Bearbeitung jener epischen Ge-dichte, deren Helden zum Sagenkreise KarMdes Großen und des heiligenGraals gehörten; immer bestand der Stoff aus ritterlichen Abenteuern.Es war der Roman des Adels, und die Personen, die darin agirten, warenentweder fabelhafte Phantasiegcbilde, oder Reiter mit goldenen Sporen; nir-gends eine Spur von Volk. Diese Ritterromane, die in der absurdesten Weiseausarteten, stürzte Cervantes durch seinen Don Quixotc. Aber, in-dem er eine Satire schrieb, die den älteren Roman zu Grunde richtete, lieferteer selber wieder das Vorbild zu einer neuen Dichtungsart, die wir den moder-nen Roman nennen. So pflegen immer große Poeten zu verfahren: sie be-gründen zugleich etwas Neues, indem sie daS Alte zerstören; sie negircn nie,ohne etwas zu bejahen. Cervantes stiftete den modernen Roman, indemer in den Ritter-Roman die getreue Schilderung der niederen Klassen ein-führte, indem er ihm das Volksleben beimischte. Die Neigung, das Treibendes gemeinsten Pöbels, des verworfensten Lumpenpacks zu beschreiben, gehörtnicht bloß dem Cervantes, sondern der ganzen literarischen Zeitgenossenschaft,und sie findet sich wie bei den Poeten so auch bei den Malern des damaligenSpanien; ein Morillo, der dem Himmel die heiligsten Farben stahl, womiter seine schönen Madonnen malte, contcrfeite mit derselben Liebe auch dieschmutzigsten Erscheinungen dieser Erde. Es war vielleicht die Begeisterungfür die Kunst selber, wenn diese cdeln Spanier manchmal an der treuen Ab-bildung eines Bctteljungen, der sich laust, dasselbe Vergnügen empfanden, wiean der Darstellung der hochgebenedeiten Jungfrau. Oder es war der Reizdes Contrastes, welcher eben die vornehmsten Edelleutc, einen geschniegeltenHofmann wie Quevedo oder einen mächtigen Minister wie Mendoza, an-trieb, ihre zerlumpten Bettler- und Gauner-Romane zu schreiben; sie wolltensich vielleicht aus der Eintönigkeit ihrer Standcsumgcbnng durch die Phantasiein eine entgegengesetzte Lcbenssphäre versetzen, wie wir dasselbe Bcdürfniß beimanchen deutschen Schriftstellern finden, die ihre Romane nur mit Schilde-rungen der vornehmen Welt füllen und ihre Helden immer zu Grafen undBaronen machen. Bei Cervantes finden wir noch nicht diese einseitigeRichtung, das Unedle ganz abgesondert darzustellen; er vermischt nur dasIdeale mit dem Gemeinen, das Eine dient dem Andern zur Abschattung oder