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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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Fieber, an dem einen Tage fiir g»t, an dein andern fiir schlecht, an dem drit-ten Tage wieder fiir gut, am vierten wieder fiir schlecht zu erklären: wenn eres kühn und großartig findet, daß die Herrn von Rothschild während der Cho-lera ruhig in Paris geblieben, aber die unbezahlten Mühen der deutschen Pa-trioten lächerlich findet; und wer bei aller dieser Wcichmüthigkeit sich selbstnoch für einen gcfcstetcn Mann hält Wer so große Geheimnisse bcsiht, dermag noch größere haben, die das Räthselhaste seines Buches erklären; ichaber kenne sie nicht. Ich kann mich nicht bloß in das Denken und Fühlenjedes Andern, sondern auch in sein Blut und seine Nerven versehen, mich audie Quellen aller seiner'Gesinnungen und Gefühle stellen, und ihrem Laufenachgehen mit unermüdlicher Geduld. Doch muß ich dabei mein eigenesWesen nicht aufzuopfern haben, sondern nur zu beseitigen auf eine Weile.Ich kann Nachsicht haben mit Kinderspielen, Nachsicht mit den Leidenschafteneines Junglings. Wenn aber an einem Tage des blutigsten Kampfes einKnabe, der auf dem Schlachtfeld«: nach Schmetterlingen jagt, mir zwischendie Beine kömmt, wenn an einem Tage der höchsten Roth, wo wir heiß zuGott beten, ein junger Geck uns zur Seite, in der Kirche nichts sieht als dieschönen Mädchen, und mit ihnen liebäugelt und flüstert, so darf uns das, un-beschadet unserer Philosophie und Menschlichkeit, wohl ärgerlich machen.

Heine ist ein Künstler, ein Dichter, und zur allgemeinsten Anerkennungfehlt ihm nur noch seine eigne. Weil er oft noch etwas Anders sein will alsein Dichter, verliert er sich oft. Wem wie ihm, die Form das höchste ist, demmuß sie auch das einzige bleiben; denn sobald er den Rand übersteigt, fließter in's Schrankenlose hinab, und cS trinkt ihn der Sand. Wer die Kunst alsseine Gottheit verehrt und je nach Laune aucknmanchcs Gebet an die Naturrichtet, der frevelt gegen Kunst und Natur zugleich. Heine bettelt der Naturihren Nektar und Blüthcnstaub ab, und bauet mit bildendem Wachse der Knustihre Zellen, aber er bildet die Zelle nicht, daß sie den Honig bewahre, sondernsammelt den Honig, damit die Zelle auszufüllen. Darum rührt er auchnicht, wenn er weint; denn man weiß, daß er mit den Thränen nur seineNclkenbcctc begießt. Darum überzeugt er nicht, wenn er auch die Wahrheitspricht, denn man weiß, daß er an der Wahrheit nur das Schöne liebt. Aberdie Wahrheit ist nicht immer schön, sie bleibt es nicht immer. Es dauert laugebis sie in Blüthc kommt, und sie muß verblühen che sie Früchte trägt. Heinewürde die deutsche Freiheit anbeten, wenn sie in voller Blüthc stände; da sieaber, wegen des rauhen Winters, mit Mist bedeckt ist, erkennt er sie nicht undverachtet sie. Mit welcher schönen Begeisterung hat er nicht von dem Kampfeder Republikaner in der St. Mcrp Kirche und von ihrem Hcldeutodc ge-sprochen! es war ein glücklicher Kampf, es war ihnen vergönnt den schönenTrol; gegen die Tyrannei zu zeigen und den schönen Tod für die Freiheit zu

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