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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
552
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Ach! cs warm frische freudige Blumen, als ich mich einst damit schmückte, inder Meinung den andern Morgen ginge es zur Schlacht, zum heiligen Todcs-

sieg für das Vaterland Das ist nun lange her, mürrisch und müßig

sitze ich an der Rue-Laffittc und harre des Kampfes, und unterdessen welkendie Blumen aus meinem Haupte, und auch meine Haare färben sich weiß, undmein Herz erkrankt mir in der Brust . . . Heiliger Gott! was wird einemdie Zeit so lange bei solchem thatlosen Harren, und am Ende stirbt mir nochder Muth ... Ich sehe wie die Leute vorbeigehen, mich mitleidig anschauenund einander zuflüstern! der arme Narr!

Wie die Nachttraume meine Tagcsgedaukcn verhöhnen, so geschieht cs auchzuweilen, daß die Gedanken dcs Tages über die unsinnigen Nachtträume sichlustig machen und mit Recht, denn ich handle im Traume oft wie ein wahrerDummkopf. Jüngst träumte mir, ich machte eine große Reise durch ganzEuropa, nur daß ich mich dabei keines Wagens mit Pferden, sondern einesgar prächtigen Schiffes bediente. Das ging gut, wenn ein Fluß oder einSee sich auf meinem Wege befand. Solches war aber der seltenere Fall, undgewohnlich mußte ich über festes Land, was für mich sehr unbequem, da ichalsdann mein Schiff über weite Ebenen, Waldstcgc, Moorgriiudr, und sogarüber sehr hohe Berge fortschleppen mußte, bis ich wieder an einen Fluß oderSee kam, wo ich gemächlich segeln konnte. Gewöhnlich aber, wie gesagt,mußte ich mein Fahrzeug selber fortschleppen, was mir sehr viel Zeitverlustund nicht geringe Anstrengung kostete, so daß ich am Ende vor llcbcrdruß undMüdigkeit erwachte. Nun aber, deö Morgens beim ruhigen Kaff<5, machteich die richtige Bemerkung: daß ich weit schneller und bequemer gereist wäre,wenn ich gar kein Schiff besessen hätte, und wie ein gewöhnlicher armer Teu-fel immer zu Fuß gegangen wäre.

Am Ende kommt es auf eins heraus, wie wir die große Reise gemachthaben, ob zu Fuß, oder zu Pferd, oder zu Schiff . . . Wir gelangen amEnde alle in dieselbe Herberge, in dieselbe schlechte Schenke, wo man die Thürcmit einer Schaufel aufmacht, wo die Stube so eng, so kalt, so dunkel, woman aber gut schläft, fast gar zu gut. . .

Ob wir einst auferstehen? Sonderbar! meine Tagesgedanken verneinenriefe Frage, und aus reinem Widerspruchsgeiste wird sie von meinen Nacht-träumcn bejaht. So z. B. träumte mir unlängst: ich sei in der ersten Mor-genfrühe nach dem Kirchhof gegangen, und dort, zu meiner höchsten Verwun-derung, sah ich, wie bei jedem Grabe ein paar blankgewichster Stiefel stand,ungefähr wie in den WirthShäusern vor den Stuben der Reisenden . . .Das war ein wunderlicher Anblick, es herrschte eine sanfte Stille auf demganzen Kirchhof, die müden Erdenpilger schliefen. Grab neben Grab, und dieblankgcwichsten Stiefel, die dort in laugen Reihen standen, glänzten im