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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
551
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wunderliche Empfänglichkeit, jene unwillkiihrliche Mitcmpfindung, jene Ge-rn uthskmnkhcit, die wir bei den Poeten finden und mit keinem rechten Namenzu bezeichnen wissen. Wenn ich auch am Tage wohlbeleibt und lachend dahin-wandle durch die funkclndeu Gassen Babylons, glaubt mir's! sobald derAbend herabsinkt, erklingen die melancholischen Harfen in meinem Herzen, undgar des NachtS »schmettern darin alle Pauken und Zimpcln des Schmerzes,die ganze Janitscharenmusik der Weltqual, und es steigt empor der entsetzlichgellende Mummenschanz . . .

O welche Träume! Träume des Kerkers, des Elends, des Wahnsinns,des Todes! Ein schrillendes Gemisch von Unsinn und Weisheit, eine buntevergiftete Suppe, die nach Sauerkraut schmeckt und nach Orangenblüthcnriecht! Welch ein grauenhaftes Gefühl, wenn die nächtlichen Träume dasTreiben des Tages verhöhnen, und aus den flammenden Mohnblumen dieironischen Larven hervorgucken und Rübchen schaben, und die stolzen Lorbeer-bäume sich in graue Disteln verwandeln, und die Nachtigallen ein Spottge-lächter erheben . . .

Gewöhnlich, in meinen Träumen, sitze ich auf einem Eckstein der Nue-Laffittc an einem feuchten Herbstabend, wenn der Mond auf das schmutzigeBoulevardpflaster hcrabstrahlt mit langen Streiflichtern, so daß der Koth ver-goldet scheint, wo nicht gar mit blitzenden Diamanten übersät. . . Die vor-übergehenden Menschen sind ebenfalls nur glänzender Kotht Stockjobbers,Spieler, wohlfeile Skribenten, Falschmünzer des Gedankens, noch wohlfeilereDirnen, die freilich nur mit dem Leibe zu lügen brauchen, satte Faulbäuche,die im Caffs-dc-Paris gefüttert worden und jetzt nach dcr Academie-de-Mllsiquehinstürzen, nach der Kathedrale des Lasters, wo Fanny Elsler tanzt und lächelt. . . Dazwischen rasseln auch die Karossen und springen die Lakcien, die buntwie Tulpen und gemein wie ihre gnädige Herrschaft . . . Und wenn ich nichtirre, in einer jener frechen goldncn Kutschen sitzt der ehemalige Zlgarrenhänd-lcr Aguado, und seine stampfenden Rosse bespritzen von oben bis unten meinerosarothen Trikotkleider . . . Ja, zu meiner eigenen Verwunderung, bin ichganz in rosarothen Trikot gekleidet, in ein sogenanntes fleischfarbiges Gewand,da die vorgerückte Jahrzcit und auch das Clima keine völlige Nacktheit erlaubtwie in Griechenland, bei den Thermopylen wo der König Leonidas mit seinendreihundert Spartanern, am Vorabend der Schlacht, ganz nackt tanzte, ganznackt das Haupt mit Blumen bekränzt . . . Eben wie Leonidas auf dem Ge-mälde von David bin ich kostumirt, wenn ich in meinen Träumen aus demEckstein sitze, an der Rue-Lafflttc, wo der verdammte Kutscher von Aguadomir meine Trikothoscn bespritzt . . . Der Lump, er bespritzt mir sogar denBlumenkranz, den schönen Blumenkranz den ich auf meinem Haupte trage,der aber unter uns gesagt, schon ziemlich trocken und nicht mehr duftet . . .