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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
550
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det sich mühsam in ausländische Redensarten . . . Ihr habt vielleicht einenBegriff vom leiblichen Exil, jedoch vom geistigen Exil kann nur ein deutscherDichter sich eine Vorstellung machen, der sich gezwungen sähe, den ganzenTag französisch zu sprechen, zn schreiben, und sogar des Nachts, am Herzender Geliebten französisch zu seufzen ! Auch meine Gedanken sind erilirt, exi-lirt in eine fremde Sprache.

Glücklich sind die, welche in der Fremde nur mit der Armuth zu kämpfenhaben, mit Hunger und Kälte, lauter natürlichen Nebeln . . . Durch dieLuken ihrer Dachstuben lacht ihnen der Himmel und alle seine Sterne. . .O, goldenes Elend mit weißen Glacechandschuhen, wie bist du unendlich qual-samcr! . . . Das verzweifelnde Haupt muß sich frisircn lassen, wo nicht garparfumircn, und die zürnenden Lippen, welche Himmel und Erde verfluchenmöchten, müssen lächeln, und immer lächeln . . .

Glücklich sind die, welche, über das große Leid, am Ende ihr letztes bischenVerstand verloren, und ein sicheres Unterkommen gefunden in Charanton oderin Bizbtrc, wie der arme F., wie der arme B., wie der arme L.und so manche andere, die ich weniger kannte . . . Die Zelle ihres Wahn-sinns dünkt ihnen eine geliebte Heimath, und in der Zwangsjacke dünken siesich Sieger über allen Despotismus, dünken sie sich stolze Bürger einesfreien Staates . . . Aber das alles hätten sie zu Hause eben so gut habenkönnen!

Nur der Ucbcrgang von der Vernunft zur Tollheit ist ein verdrießlicher Mo-ment und gräßlich . . . Mich schaudert, wenn ich daran denke, wie der F.zum letztcnmaie zu mir kam, um ernsthaft mit mir zu verhandeln, daß manauch die Moudmenschen und die entferntesten Stcrncnbewohncr in den großenVölkerbund aufnehmen müsse. Aber wie soll man ihnen unsere Vorschlägeankündigen? Das war die große Frage. Ein anderer Patriot hatte in ähn-licher Absicht eine Art kolossaler Spiegel erdacht, womit man Proklamationenmit Nicscnbuchstaben in der Luft abspiegelt, so daß die ganze Menschheit sieauf einmal lese» könnte, ohne daß Ccnsor und Polizei es zu verhindern ver-möchten . . . Welches staatsgcfährliche Projekt! Und doch geschieht dessenkeine Erwähnung in dem Bundestagsbcrichte über die revolutionäre Propa-ganda !

Am glücklichsten sind wohl die Todten, die im Grabe liegen, auf dem Pbre-Lachaise, wie Du, armer Börne!

Ja, glücklich sind diejenigen, welche in den Kerkern der Hcimath, glücklichdie, welche in den Dachstuben des körperlichen Elends, glücklich die Verrücktenim Tollhaus, am glücklichsten die Tobten! Was mich betrifft, den Schreiberdieser Blätter, ich glaube mich am Ende gar nicht so sehr beklagen zu dürfen,da ich des Glückes aller dieser Leute gewissermaßen theilhast werde, durch jene