— 534 —
Zustand, ist dieser Spiegel verschoben oder grcllgefärdt von eigner Leidenschaft,dann werden tolle Bilder zum Vorschein kommen, die selbst alle Geburtendes humoristischen Genius überbieten . . . Hier ist das Gitter, welches denHumor vom Jrrcnhanse trennt . . . Nicht selten, in den Börncschcn Briefenzeigen sich Spuren eines wirklichen Wahnsinns, und Gefühle und Gedankengrinsen uns entgegen, die man in die Zwangsjacke stecken müßte, denen mandie Dousche geben sollte . . .
In stilistischer Hinsicht sind die Pariser Briefe weit schätzbarer als die frü-heren Schriften Börnes, worin die kurzen Sätze, der kleine Hundctrab, eineunerträgliche Monotonie hervorbringen und eine fast kindische Unbeholscnheitvcrrathcn. Diese kurzen Sätze verlieren sich immer mehr und mehr in denPariser Briefen, wo die cntzügelte Leidenschaft nothgcdrungcn in weitere,vollere Rythmcn überströmt, und kolossale, gcwittcrschwangcrc Perioden da-hinrollcn, deren Bau schön und vollendet ist, wie durch die höchste Kunst.
Die Pariser Briefe können in Beziehung ans Börnes Stvl dennoch nurals eine UcbcrgangSstufe betrachtet werden, wenn man sie mit seiner letztenSchrlft „Menzel der Franzoscnfrrsser" vergleicht. Hier erreicht sein Styldie höchste Ausbildung, und wie in den Worten so auch in den Gedankenherrscht hier eine Harmonie, die von schmerzlicher aber erhabener Beruhi-gung Kunde gicbt. Diese Schrift ist ein klarer See, worin der Himmelmit allen Sternen sich spiegelt, und Börnes Geist taucht hier auf undunter, wie ein schöner Schwan, die Schmähungen, womit der Pöbel seinreines Gefieder besudelte, ruhig von sich abspülend. Auch hat man dieseSchrift mit Recht Börnes Schwancngcsang genannt. Sie ist in Deutsch-land wenig bekannt worden, und Betrachtungen über ihren Inhalt wärenhier gewiß an ihrem Platze. Aber da sie direkt gegen Wolfgang Menzel ge-richtet ist und ich bei dieser Gelegenheit denselben wieder ausführlich be-sprechen müßte, so will ich lieber schweigen. Nur eine Bemerkung kann ichhier nicht unterdrücken, und sie ist glücklicherweise von der Art, daß sie viel-mehr von persönlichen Bitternissen ableitet und dem Hader, worin sowohlBörne als die sogenannten Mitglieder des sogenannten jungen Deutschlandsmit Menzeln geriethcn, eine generelle Bedeutung zuschreibt, wo Werth oderUnwerth der Individuen nicht mehr zur Sprache kommt. Vielleicht sogarliefere ich dadurch eine Justifikation des Menzelschcn Betragens und seinerscheinbaren Abtrünnigkeit.
Ja, er wurde nur scheinbar abtrünnig . . . nur scheinbar . . . denn erhat der Parthei der Revolution niemals mit dem Gemüthe und mit dem Ge-danken angehört. Wolfgang Menzel war einer jener Tcntomancn, jenerTcutschthiimler, die, nach der Sonnenhitze der JuliuSrevolutio», gezwungenwurden, ihre altdeutschen Röcke und Redensarten auszuziehen, und sich gci-