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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
533
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mcin unmaßgebliches Dafürhalten darf in diesen Blättern seine Stelle finden.Ich suche dieses Privaturtheil so kurz als möglich abzufassen; daher nur we-nige Worte über Börne in rein literarischer Beziehung.

Soll ich in der Literatur einen verwandten Charakter aufsuchen, so böte sichzuerst Gotthold Ephraim Lcssing, mit welchem Börne sehr oft verglichen wor-den. Aber diese Verwandtschaft beruht nur auf der inneren Tüchtigkeit, denedlen Willen, die patriotische Passion und den Enthusiasmus für Humanität.Auch die Vcrstaudcsrichtung war in beiden dieselbe. Hier aber hört der Ver-gleich aus. Lcssing war groß durch jenen offenen Sinn für Kunst und phi-losophische Spekulation, welcher dem arme» Börne gänzlich abging. ES giebtin der ausländischen Literatur zwei Männer, die mit ihm eine weit größereAchnlichkcit haben: diese Männer sind William Hazlitt und Paul Courribr.Beide sind vielleicht die nächsten literarischen Verwandte Börne's, nur daßHazlitt ihn ebenfalls an Kunstsinn überflügelt und Courribr sich kcincswcgcszum Börnc'schcn Humor erheben kann. Ein gewisser Esprit ist allen dreiengemeinsam, obgleich er bei jedem eine verschiedene Färbung trägt: er ist trüb-sinnig bei Hazlitt, dem Britten, wo er wie Sonnenstrahlen aus dicken eng-lischen Ncbclwolkcn hervorblitzt; er ist fast muthwillig heiter bei dem Fran-zosen Courribr, wo er wie der junge Wein der Tourraine im Kelter braustund sprudelt und manchmal übermüthig cmporzischt; bei Börne, dem Deut-schen, ist er beides, trübsinnig und heiter, wie der säuerlich ernste Rheinweinund das närrische Mondlicht der deutschen Heimath . . . Sein Esprit wirdmanchmal znm Humor.

Dieses ist nicht so sehr in den früheren Schriften Börnc'S, als vielmehr inseinen Pariser Briefen der Fall. Zeit, Ort und Stoff haben hier den Hu-mor nicht bloß begünstigt, sondern ganz eigentlich hervorgebracht. Ich willdamit sagen, den Humor in den Pariser Briefen verdanken wir wcitmchr denZeitumständen, als dem Talent ihres Verfassers. Die JuliuSrcvolution, die-ses politische Erdbeben, hatte dergestalt in allen Sphären des Lebens die Ver-hältnisse auseinandergesprengt und so buntscheckig die verschiedenartigsten Er-scheinungen zusammengeschmissen, daß der Pariser Revolutionskorrespondcninur treu zu berichten brauchte, was er sah und hörte, und er erreichte von selbstdie höchsten Effekte des Humors. Wie die Leidenschaft manchmal die Poesieersetzt und z. B. die Liebe oder die Todesangst in begeisterte Worte ausbricht,die der wahre Dichter nicht besser und schöner zu erfinden weiß: so ersetzen dieZeitumstände manchmal den angcbornen Humor, und ein ganz prosaisch be-gabtcr, sinnreicher Autor liefert wahrhaft humoristische Werke, indem seinGeist die spaßhaften und kummervollen, schmutzigen und heiligen, grandio-sen und winzigen Combinationen einer umgestülpten Wcltordnung treu ab-spiegelt. Ist der Geist eines solchen Autors noch obendrein selbst in bewegtem

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