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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
Seite
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einst die plötzliche Nachricht, daß Madame Wohl sich nicht mit Börne, sondernmit einem jungen Kaufmann aus Frankfurt vermählt habe . . . Die Ver-wunderung hierüber ward noch dadurch gesteigert, daß die Neuvermählte nebstihrem Gatten hierherkam, mit Börne ein und dieselbe Wohnung bezog, undalle drei einen einzigen Haushalt bildeten. Ja, es hieß, der junge Gatte habedie Frau nur deshalb gcheirathct, um mit Börne in nähere Berührung zukommen, er habe sich auSbedungcn, daß zwischen beiden das frühere Verhältnißunverändert sortwalte. Wie man mir sagt, spielte er im Hause nur die die-nende Person, verrichtete die roheren Geschäfte und ward ein sehr mißlicherLaufbursche für Börne, mit dessen Ruhm er hausircn ging und gegen dessenGegner er uncrbitterlich Gift und Galle geiferte.

In der That, jener Gatte der Madame Wohl gehört nicht zu der gutenSorte, die mit der Toleranz in der Ehe eine gewisse Harmlosigkeit verbindet,und dadurch allen Spott entwaffnet. Nein, er erinnerte vielmehr an jeneböse Gattung, wovon in den indischen Geschichten des KtcsiaS Erwähnunggeschieht. Dieser Autor berichtet nämlich: in Indien gebe es gehörnte Esel,und während alle andere Esel gar keine Galle haben, hätten jene gehörntenEsel einen solchen Ucberfluß an Galle, daß ihr Fleisch dadurch ganz bitterschmecke.

Ich hoffe es wirb niemand mißdeuten, weshalb ich obige Particularitätenaus Börne's Privatleben hervorhebe. Sie sollen nur zeigen, daß es nochganz besondere Mißstände gab, die mir geboten, mich von ihm entfernt zu hal-ten. Das ganze Reinlichkeitsgefühl meiner Seele sträubte sich in mir bei demGedanken, mit seiner nächsten Umgebung in die mindeste Berührung zu ge-rathcn. Soll ich die Wahrheit gestehen, so sah ich in Börne'S Haushalt eineJmmoralität, die mich anwiderte. Dieses Geständnis; mag befremdlich klingenim Munde eines Mannes, der nie im Zclotcngcschrei sogenannter Sitten-prediger einstimmte und selber hinlänglich von ihnen verketzert wurde. Ver-diente ich wirklich diese Vcrketzerungen? Nach tiefster Sclbstprüfnng kann ichmir das Zeugniß geben, daß niemals meine Gedanken und Handlungen inWiderspruch gcrathen mit der Moral, mit jener Moral, die meiner Seeleeingeboren, die vielleicht meine Seele selbst ist, die beseelende Seele meinesLebens. Ich gehorche fast passiv einer sittlichen Nothwendigkcit, und machedcßhalb keine Ansprüche auf Lorbeerkränze und sonstige Tugendprcise. Ichhabe jungst ein Buch gelesen, worin behauptet wird, ich hätte mich gerühmt,es liefe keine Phrpne über die pariser Boulevards, deren Reize mir unbekanntgeblieben. Gott weiß, welchem ehrwürdigen Correspondenzlcr solche saubreAnekdoten nachgesprochen wurden, ich kann aber dem Verfasser jenes Buchesdie Versicherung geben, daß ich, selbst in meiner tollsten Jugendzeit, nie einWeib erkannt habe, wenn ich nicht dazu begeistert ward durch ihre Schönheit,