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6 (1855) Vermischte Schriften : zweite Abtheilung
Entstehung
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seinem Mißtrauen war er leicht zu betrügen, er ahnte nie baß er ganz fremdenLeidenschaften diente und nicht selten sogar den Einflüsterungen seiner Gegnergehorchte. Man versicherte mir, einige von den Spionen, die für Rechnunggewisser Regierungen hier hcruinschuüffcin, wußten sich so patriotisch zu geber-dcn, daß Börne ihnen sein ganzes Vertrauen schenkte und Tag und Nacht mitihnen zusammenhockte und konspirirtc.

Und doch wußte er, daß er von Spionen umgeben war, und einst sagte ermir:da geht beständig ein Kerl hinter mir her, der mich aus allen Straßenverfolgt, vor allen Häusern stehen bleibt, wo ich hineingehe, und gewiß vonirgend einer Regierung thcuer dafür bezahlt wird. Wüßte ich nur, welcheRegierung, ich würde ihr schreiben, daß ich das Geld selbst verdienen mochte,daß ich selber ihr täglich einen gewissenhaften Rapport abstatten wolle, wie ichden ganzen Tag zugebracht, mit wem ich gesprochen, wohin ich gegangen: ja, ichbin erbötig, diesen Rapport zu weit wohlfeilerem Preise, ja für die Hälfte desGeldes zu liefern, das dieser Kerl, der beständig hinter mir einher geht, sichzahlen läßt; denn ich muß ja alle diese Gänge ohnedies mache». Ich könntevielleicht davon leben, daß ich mein eigner Spion werde."

Einen großen, vielleicht den größten Einfluß übte damals auf Börne diesogenannte Madame Wohl, eine bereits in diesen Blättern erwähnte zweideu-tige Dame, wovon man nicht genau wußte, zu welchem Titel ihr Verhältnis;zu Börne sie berechtigte, ob sie seine Geliebte oder bloS seine Gattin. Dienächsten Freunde behaupteten lange Zeit steif und fest, daß Madame Wohlihm heimlich angetraut sei und eines frühen Morgens als Frau DoktorinBörne ihre Aufwartung machen werde. Andere meinten, eS herrsche zwischenbeiden nur eine platonische Liebe, wie einst zwischen Messer Franccsko undMadonna Laura, und sie fanden gewiß auch eine große Achnlichkcit zwischenPctrarcha'S Sonnettcn und Börne's Pariser Briefen. Letztere waren näm-lich nicht an eine erdichtete Luftgestalt, sondern an Madame Wohl gerichtet,was gewiß zu ihrem Wcrthe beitrug, indem es ihnen jene bestimmte Physio-nomie und jenes Individuelle erthciltc, was keine Kunst nachahmen kann.Wen» sich in Briefen nicht blos der Charakter des Schreibers, sondern auchdes Empfängers abspiegelt, so ist Madame Wohl eine höchst respektable Per-son, die für Freiheit und Menschenrechte glüht, ein Wesen voll Gcmüth, vollBegeisterung . . . Und in der That, wir müssen dieser Ansicht Glaubenschenken, wenn wir vernehmen, mit welcher Hingebung die Dame in bittererZeit an Börne festhielt, wie sie ihm ihr ganzes Leben weihte, und wie sie jetzt,nach seinem Tode, in trostlosem Kummer verharrt, sich in der Einsamkeit nurnoch mit dem Verstorbenen beschäftigend. Unstrcitbar herrschte zwischen bei-den die innigste Zuneigung; aber während das Publikum zweifelhaft war,welche sinnliche Thatsachen daraus entsprungen sein möchten, überraschte uns