.V
nung Börnes, wie sie sich III jenen Briefen offenbarte, erinnerte mich an denalten Polizeivogt, der, als ich ein kleiner Knabe war, in meiner Vaterstadtregierte. Ich sage regierte, da er mit unumschränktem Stock die öffentlicheRuhe verwaltend, uns kleinen Bubcu einen ganz majestätischen Respekt ein-flößte und uns schon durch seinen bloßen Anblick gleich auseinander jagte,wenn wir ans der Straße gar zn lärmige Spiele trieben. Dieser Polizcivogtwurde plötzlich wahnsinnig und bildete sich ein, er sei ein kleiner Gassenjunge,und zu unscrcr unheimlichsten Verwunderung sahen wir, wie er, der allmäch-tige Straßcnbchcrrschcr, statt Ruhe zu stiften, uns zu dem lautesten Unfugaufforderte. „Ihr seid viel zu zahm, rief er, ich aber will Euch zeigen, wieman Spektakel machen muß!" Und dabei fing er an wie ein Löwe zu brül-len oder wie ein Kater zu miauen, und er klingelte au den Häusern, daß dieThürglocke abriß, und er warf Steine gegen die klirrenden Fensterscheiben,immer schreiend: ich will Euch Ichreu, Jungens, wie man Spektakel macht!Wir kleinen Buben amüsirtcn uns sehr über den Alten und liefen jubelndhinter ihm drein, bis man ihn ins Irrenhaus abführte.
Während der Lektüre der Börnc'schcn Briefe dachte ich wahrhaftig immeran den alten Polizcivogt, und mir war oft, als hörte ich wieder seine Stimme:ich will Euch lehren, wie man Spektakel macht!
In den mündlichen Gesprächen Börnc'S war die Steigerung seines politi-schen Wahnsinns minder auffallend, da sie im Zusammenhang blieb mit denLeidenschaften, die in seiner nächsten Umgebung wüthctcn, sich beständigschlagfertig hielten und nicht selten auch thatsächlich zuschlugen. Als ich Börnezum zwcitcnmale besuchte, in der Ruc de Provence, wo er sich definitiv ein-quartirt hatte, fand ich in seinem Salon eine Menagerie von Menschen wieman sie kaum im Jardin des Plantcs finden möchte. Im Hintergrundekauerten einige deutsche Eisbären, welche Tabak rauchten, fast immer schwie-gen und nur dann und wann einige vaterländische Douncrworte im tiefstenBrumbaß hcrvorfluchtcn. Neben ihnen hockte auch ein polnischer Wolf, wel-cher eine rothe Mühe trug und manchmal die süßlich fadesten Bemerkungenmit heiserer Kehle heulte. Dann fand ich dort einen französischen Affen, derzu den häßlichsten gehörte, die ich jemals gesehen; er schnitt beständig Gesich-ter, damit man sich das schönste darunter aussuchen möge. Das unbcdcn-tcndstc Subjekt in jener Börnc'schcn Menagerie war ein Herr I der Sohndes alten eines Wcinhändlerö in Frankfurt am Main, der ihn gewiß insehr nüchterner Stimmung gezeugt, . . . eine lange hagere Gestalt, die wieder Schatten einer Unu-cke-(luloAuo-Flaschc aussah, aber keineswegs wie derInhalt derselben roch. Troh seines dünne» Aussehens, trug er, wie Börnebehauptete, zwölf wollene Unterjacken; denn ohne dieselben würde er gar nichtcxistircn. Börne machte sich beständig über ihn lustig:
Heine. VI. 43