Drittes Ä u ch.
ES war im Hcrl'st fg3l, ei» Jahr nach der Juliusrevolution, als
ich zu Paris den Doktor Ludwig Börne wieder sah. Ich besuchte ihn imGasthof Ilötel cko OustiUo, und nicht wenig wunderte ich mich über die Ver-änderung, die sich in seinem ganzen Wesen aussprach. DaS bischen Fleisch,das ich früher an seinem Leibe bemerkt hatte, war seht ganz verschwunden,vielleicht geschmolzen von den Strahlen der Juliussonne, die ihm leider auchins Hirn gedrungen. Aus seinen Augen leuchteten bedenkliche Funken. Ersaß, oder vielmehr er wohnte in einem großen bnntseidcncn Schlafrock, wieeine Schildkröte in ihrer Schale, und wenn er manchmal argwohnisch seindünnes Köpfchen hervorbcugtc, ward mir unheimlich zu Muthe. Aber dasMitleid überwog, wenn er aus dem weiten Aermel die arme abgemagerteHand zum Gruße oder zum freundschaftlichen Händedruck ausstreckte. Inseiner Stimme zitterte eine gewisse Kränklichkeit und auf seinen Wangen grin-sten schon die schwindsüchtig rothcn Streiflichter. Das schneidende Mißtranen,das in allen seinen Zügen und Bewegungen lauerte, war vielleicht eine Folgeder Schwerhörigkeit, woran er früher schon litt, die aber seitdem immer zu-nahm, und nicht wenig dazu beitrug, mir seine Conversation zu verleiden.
„Willkommen in Paris!" — rief er mir entgegen. — „Das ist brav! Ichbin überzeugt, die Guten, die es am besten meinen, werden alle bald hier sein.Hier ist der Consent der Patrioten von ganz Europa, und zu dem großenWerke müssen sich alle Völker die Hände reichen. Sämmtliche Fürsten müs-sen in ihren eigenen Länder» beschäftigt werden, damit sie nicht in Gemein-schaft die Freiheit in Deutschland unterdrücken. Ach Gott! ach Deutschland!Es wird bald sehr betrübt bei uns aussehen und sehr blutig. Revolutionensind eine schreckliche Sache, aber sie sind nothwcndig, wie Amputationen, wennirgend ein Glied in Fäulniß gerathen. Da muß man schnell zuschneiden,und ohne ängstliches Innehalten. Jede Verzögerung bringt Gefahr, und weraus Mitleid oder aus Schrecken, beim Anblick des vielen Blutes, die Opera-tion nur zur Hälfte verrichtet, der handelt grausamer als der schlimmste Wü-therich. Hol' der Henker alle weichherzigen Chirurgen und ihre Halbheit!Marat hatte ganz recht, ll bunt käirs snigner ls gonrs üumniri, und hätte
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